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Warriors Orochi 4 im Test – Viele Helden, wenig Spaß

Artikel von | 30.10.2018 um 08:00 Uhr

Warriors Orochi 4 aus dem Hause Koei Tecmo hat einen Eintrag im Guinness-Buch der Rekorde erhalten: Es ist das Spiel mit den meisten spielbaren Charakteren. Ob das den Musou-Prügler auch zu einem guten Spiel macht, erfahrt ihr in unserem Test.

Irgendwas mit griechischen Göttern

Worum geht‘s in Warriors Orochi 4? Und spielt das überhaupt eine Rolle?

Diese Frage haben wir uns beim Durchspielen der Hauptstory mehrfach gestellt. Das Spiel wirft Charaktere der chinesischen Folklore „Romance of the Three Kingdoms“ mit den japanischen Kämpfern aus Samurai Warriors in einen Topf und bringt aus irgendeinem Grund noch griechische Götter mit ins Spiel. Alle Figuren werden im Laufe einer Handlung ohne zentrale Protagonisten bestenfalls kurz eingeführt und eher nebenbei abgehandelt. Das Ergebnis ist eine wirre Erzählung, ohne großen Tiefgang. Episches Story-Telling gehörte ohnehin noch nie zur Stärke bisheriger Musou-Spiele.

Was Warriors Orochi 4 allerdings fast vollends fehlt, ist eine richtige Narrative. Als Musou-Kenner sind wir animierte Zwischensequenzen gewohnt. Und Interaktionen oder Dialoge mit dem charmanten Kitsch, der irgendwie zu dieser Art von Spiel dazugehört. Genau das vermissen wir in diesem Teil. Die wenigen Zwischensequenzen sind schön animiert, passieren aber viel zu selten. Die überwiegende Zeit starren wir auf statische Bilder und lesen vertonte Textblöcke. Hin und wieder gibt‘s einen Erzähler. Alles wirkt so belanglos, dass wir schnell das Bedürfnis verspüren, jedes bisschen Dialog zu überspringen. Schade eigentlich.

Neues Spiel, alte Grafik

Visuell wirkt Warriors Orochi 4, als wäre es einer längst vergangenen Zeit entsprungen. Den Charakteren fehlen Details. Insbesondere die immer gleichen Gegnermodelle sind lieblos gestaltet. Im Kampf blicken wir also serientypisch in tausend identische, ausdruckslose Visagen. Die Umgebung ist steril, leer und langweilig. Wäre man zynisch, könnte man sagen, dass sich optisch im Prinzip seit dem ersten Teil von Warriors Orochi auf der PlayStation 2 lediglich die Auflösung verändert hat.

Zwar ist das Bild insgesamt halbwegs scharf, ein unschöner Nebelschleier trübt aber diesen Eindruck. Während wir diesen unerwünschten Effekt in Dynasty Warriors 8 noch im Einstellungsmenü ausschalten konnten, fehlt Warriors Orochi 4 diese Option.

Das ist nur eine von vielen Verbesserungen bisheriger Spiele, die wir in diesem Teil vermissen. Dass die Reihe in puncto Grafik seit über einem Jahrzehnt stagniert, ist eigentlich nichts Neues. Im Detail fallen uns aber sogar technische Rückschritte auf, die nur schwer zu erklären sind. Während die Entwickler die steifen Bewegungsanimationen der Pferde in mehreren Vorgängerspielen bereits verbessert haben, befinden diese sich in Warriors Orochi 4 wieder auf dem Stand von vor 18 Jahren. Warum das so ist, können wir nicht beantworten. Vor allem nicht bei einem Franchise, das davon lebt, die eigenen Inhalte und Assets immer wieder zu recyceln. Produktionsfaulheit seitens Entwicklerstudio Omega Force wäre aber eine durchaus plausible Arbeitshypothese. Dazu gibt‘s matschige Texturen, die zudem auch immer wieder zu spät nachladen und unschön ins Bild ploppen. Bei einem Spiel auf diesem technischen Stand, ist das eigentlich nicht zu rechtfertigen.
Einen kleinen Lichtblick gibt es aber trotzdem: Warriors Orochi 4 ist keine technische Vollkatastrophe, wie Dynasty Warriors 9. Es läuft überwiegend flüssig, ohne übermäßige Einbrüche der Framerate – zumindest auf der PlayStation 4 Pro. Und das trotz der hohen Gegnerdichte, die vor allem in den späteren Stufen enorm ansteigt. Zwar zirkulieren uns unsere Widersacher weitgehend passiv, wie ein Schwarm seelenloser Minions, die nur darauf warten, dass wir sie durch die Luft schleudern – aber letztendlich lebt das Musou-Genre auch von genau dieser Power Fantasy.

Alter Kaffee, neu aufgewärmt

In gewisser Weise besinnt sich Warriors Orochi 4 wieder auf die Wurzeln der Musou-Spiele. Wir kämpfen auf überschaubaren Schlachtfeldern gegen gewaltige Gegnerhorden. Das Combo-System ist vertraut: Wir verketten normale Attacken und Spezialangriffe mit einfachen Tastenkombinationen. Dadurch laden wir unsere Musou-Leiste auf, mit der wir Musou-Angriffe auslösen, die nicht nur beachtlichen Schaden verursachen, sondern uns auch kurzzeitig immun machen. Also alles wie gehabt – und im Prinzip macht das irgendwie auch Spaß.

Zusätzlich gibt es verschiedene Zauber, die eine eigene Magie-Leiste als Ressource beanspruchen:

  • Normal Magic entleert unsere Magie-Leiste langsam und macht geringen Flächenschaden, während wir sie kanalisieren.
  • Charge Magic verbraucht unsere komplette Magie-Leiste und löst einen individuellen Schadenszauber aus.
  • Unique Magic verbraucht unsere Magie- und Musou-Leiste, erzeugt dabei aber einen gewaltigen Angriff.
  • Unity Magic verbraucht eine eigene Energieleiste, die sich nur langsam auflädt. Sie erzeugt einen Zauber mit enormem Flächenschaden, der das ganze Feld um uns herum aufräumt.

Insbesondere die Unity Magic ist schön anzusehen. Auch wenn es häufiger zu Grafikfehlern kommt, bei denen die Charaktermodelle in Wänden oder Umgebungsobjekten verschwinden. Das passiert insbesondere dann, wenn wir uns in Innenräumen befinden. Und das, obwohl es sich dabei um eine Cutscene handelt.

Die 170 spielbaren Charaktere teilen sich in drei Typen auf, die unterschiedliche Eigenschaften mitbringen:

  • Power: Diese Helden erleiden keinen Rückstoß durch einfache Attacken und Distanzangriffe. Eigene Aktionen können sie durch Blocken direkt unterbrechen.
  • Technique: Sie verfügen über spezielle Angriffe gegen Gegner, die sich in der Luft befinden.
  • Speed: Diese Charaktere sind in der Lage, in der Luft einen Dash auszuführen. Außerdem verketten sie leichter Combo-Serien.

Da wir mit drei Charakteren in jede Schlacht ziehen, zwischen denen wir beliebig wechseln können, ist es ratsam, die Vorteile der jeweiligen Charakterklassen zu unserem Vorteil zu nutzen. Verketten wir ihre Angriffe durch richtiges Timing, lösen wir mächtige Kombo-Attacken aus.

Die einzige Herausforderung für uns stellen gegnerische Offiziere dar. Auch sie verwenden Magie, benötigen jedoch einige Sekunden, um diese zu entladen. Innerhalb dieses Zeitraums haben wir die Möglichkeit, sie mit magischen Attacken zu unterbrechen. Erreichen wir zudem einen Hitcount von mindestens 300 Treffern, indem wir Attacken in einer langen Serie ausführen, verfallen wir in den Rage Status. Der erhöht Angriff und Abwehr und ermöglicht spezielle Musou-Attacken.

Außerdem erzeugen wir per Magie unser Pferd. Ja, ihr habt richtig gelesen: Während wir in vergangenen Spielen unser Pferd zu uns rufen und uns lässig im Lauf darauf schwingen konnten, materialisiert sich dieses nun spontan unter uns, durch das Auslösen einer speziellen Tastenkombination. Das ist ungewöhnlich für die Serie, aber das können wir verkraften. In vorherigen Spielen war es allerdings möglich, zu beschleunigen und im Galopp mit dem Pferd über das Schlachtfeld zu sprinten. Ein weiterer Komfort, der in Warriors Orochi 4 fehlt. Unser treues Ross verfügt über keine schnellere Gangart. Schade, denn das nimmt dem Spiel etwas Tempo.

Generell ist hier alles sehr reduziert. Geübten Musou-Spielern dürfte schnell auffallen, was den Schlachten alles fehlt: Es gibt keine Moral-Leiste mehr, die darüber entscheidet, wie aggressiv oder passiv die jeweiligen Streitmächte agieren. Es fehlen die unterschiedlichen Arten von Lagern, die wir in bisherigen Spielen strategisch einnehmen konnten, um die Kämpfe zu beeinflussen. Fußsoldaten verfügen über keine unterschiedlichen Ränge mehr, mit individuellen kämpferischen Fähigkeiten. In den Schlachten finden keine größeren Ereignisse statt, auf die wir dynamisch reagieren müssen. Es existieren keine Objekte, mit denen wir interagieren können. Sogar die Power-Ups, die uns kurzzeitige Boosts verschaffen, sind aus dem Spiel gestrichen. Kurzum: Es gibt so vieles nicht, was die Musou-Spiele eigentlich ausmacht. Stattdessen laufen wir das Schlachtfeld linear ab, töten gegnerische Offiziere, kloppen hier und da einfache Soldaten weg, besiegen den gegnerischen General und die Schlacht ist gewonnen. Eine winzige Neuerung sind die sogenannten Chaos Origins. Die grünen Geisterwesen machen gegnerische Soldaten in der Nähe immun gegen nicht-magische Angriffe und lassen sich nur mit Magie bezwingen.

Das Spiel hält uns in jeder Schlacht eigentlich nur eine einzige Karotte vor die Nase: Erfüllen wir spezielle Bedingungen, erhalten wir zusätzliche Gems, die wir in die Entwicklung unserer Charaktere investieren können. Haben wir eine Schlacht gewonnen, ist nämlich erst einmal Micro-Management angesagt: Wir leveln unsere Helden auf, schalten ihre Abilities frei und rüsten sie mit neuen Waffen aus. Letztere können wir auch verkaufen oder zerlegen, um Gems zu erhalten oder magische Eigenschaften zu extrahieren und auf andere Waffen zu übertragen.

Das ist ganz nett, aber irgendwie vermissen wir auch hier die Hub-Welt vergangener Spiele, in der wir zum Schmied gehen mussten, um Waffen zu schmieden und mit den Charakteren reden konnten, die sich uns angeschlossen haben. Warriors Orochi 4 geht so weit back to the roots, dass wir das Gefühl haben, in einer Vergangenheit gelandet zu sein, die wir eigentlich längst hinter uns gelassen haben wollten.

Und dann wäre da noch der neue Spielmodus Battle Arena. Eigentlich könnten wir den in einem Nebensatz abhandeln, möchten aber doch ganz kurz darauf eingehen. Es handelt sich um einen kompetitiven Multiplayer-Modus, in dem wir 3-vs-3-Schlachten gegeneinander Kämpfen. Suchen wir in der Lobby nach einem Match, fühlen wir uns schnell, als würden wir uns in der Warteschleife bekannter Telefonanbieter befinden: Es läuft eintönige Musik und es vergeht eine Menge Zeit. Auch nach langer Wartezeit findet sich kein einziges Match. Mit anderen Worten: Der komplette Spielmodus ist zum gegenwärtigen Zeitpunkt vollkommen obsolet. Zwar haben wir die Möglichkeit, offline gegen die KI zu spielen, jedoch fällt uns schnell auf, wie ideenlos und uninspiriert der Spielmodus ist. Übrigens könnten wir auch die Hauptstory online spielen. Aber auch hier findet sich kein Match. Sofern wir nicht mit Freunden zusammen spielen, nutzt uns das also gar nichts.

Sound

Warriors Orochi 4 vermischt den kitschigen Gitarrensound von Dynasty Warriors mit den elektronischen Beats von Samurai Warriors. Beim Durchspielen entdecken wir immer wieder Songs, die wir bereits aus den unzähligen Vorgängern kennen. Allerdings ist das nicht unbedingt etwas Schlechtes: Immerhin ist der Soundtrack auf seine eigene Art ikonisch. Außerdem haben wir die Option, vor jeder Schlacht den Soundtrack frei zu wählen. Das überbrückt sogar die Ladezeit.

Negativ macht sich aber das Sounddesign bemerkbar. Das hat in der Reihe mittlerweile Tradition. Hiebe mit einer gewaltigen Streitaxt fühlen sich einfach nicht wuchtig an, wenn Sie klingen, als würde man einen Pudding gegen die Wand werfen. Schade, wie wir finden. Hier verschenkt das Spiel noch mehr von seinem ohnehin begrenzten Potenzial.

Außerdem sei angemerkt, dass es keine englische Synchronisation gibt. Die Dialoge sind auf japanisch vertont.

Fazit: Eine erwartbare Enttäuschung

Kommen wir zum Punkt: Warriors Orochi 4 ist kein gutes Spiel. Das einzige, was funktioniert, ist das Core-Gameplay, das die Reihe auszeichnet. Es ist nach wie vor befriedigend, hunderte Gegner gleichzeitig mit einer einzigen Attacke durch die Luft zu schleudern. Aber alles andere fehlt: Taktische Elemente und Verbesserungen vergangener Teile der Serie sind einfach aus dem Spiel gestrichen. Die Restinhalte wirken lieblos zusammengekleistert. Einziges Verkaufsargument ist die hohe Anzahl spielbarer Charaktere. Aber was bringt einem diese Vielfalt, wenn das Gameplay derart monoton ist? Und auch technisch ist das Spiel in einem längst vergangenen Jahrzehnt stecken geblieben. Neuerungen, wie der Online-Modus, wirken fast schon witzlos, wenn sie nicht richtig funktionieren. Was bleibt ist die seelenlose Hülle einer Spiele-Reihe, die vor vielen Jahren mal richtiges Potenzial hatte, dann aber versäumt hat, sich weiterzuentwickeln.

Schade.

Warriors Orochi 4 Testbericht

Warriors Orochi 4

  • Release: 19.10.2018
  • Genre: Kampfspiel, Musou
  • Entwickler: Koei Tecmo
  • Publisher: Koei-Tecmo

Gutes

viele Charaktere
spaßige Kämpfe

Schlechtes

fehlende Funktionen und Inhalte
altbackene Grafik
schlechte Online-Umsetzung
lahme Story

4.5 / 10 Schlecht!

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