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Spiderman: The Edge of Time – Review

Artikel von | 14.10.2011 um 00:00 Uhr

Die letzten Monate des reichhaltigen Videospieljahres 2011 bieten so einige interessante Duelle im Konsolenlaufwerk. Doch während sich alles auf Battlefield 3 gegen Call of Duty: Modern Warfare 3 zu konzentrieren scheint, stehen auch zwei echte Superhelden im direkten Konkurrenzkampf: Spiderman und Batman. Letzterer hat durchaus Potenzial zum besten Spiel des Jahres gekürt zu werden, doch die menschliche Spinne stellt sich dem ungleichen Duell trotzdem. Ganz nach dem Motto: Einer spinnt immer – in diesem Fall sogar Zwei…

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Eine Geschichte gesponnen

In Spiderman: Edge of Time dürfen Spieler eine interessante Ausgangssituation inklusive Zeitreisethematik erwarten. Nachdem der erste Schock von Amazing Spiderman´s scheinbarem Ableben halbwegs verdaut ist, dürfen Fans erst einmal ganz tief aufatmen und die immer noch feuchten Taschentücher wieder weglegen, die nach dem offiziellen Comic-Tod des Ultimate Spiderman noch gar nicht getrocknet sein dürften. Es handelt sich nicht etwa um das kürzeste Videospiel aller Zeiten, sondern nur um den Auftakt zu einer unterhaltsamen Geschichte aus der Feder des Marvel-Autoren Peter David. Eines jedoch wird sofort klar: Entweder lässt man sich darauf ein oder verbannt den Nachfolger zu Spiderman: Shattered Dimensions vom gleichen Entwickler in die hinterste Ecke der Videospielsammlung bis die Verpackung letztendlich Spinnweben ansetzen wird. Große Erklärungen oder Charakter-Einführungen fehlen komplett, weshalb sich der Titel eigentlich ausschließlich an große Anhänger des Franchise richtet oder zumindest an diejenigen, die sich bereits mit dem Vorgänger anfreunden konnten – allerdings dann auch mit Einschnitten in fast allen Punkten leben müssen. Zusammengehalten werden die 17 Kapitel durch Zwischensequenzen in Render- oder Spielgrafik und nicht zuletzt flotten, ironischen Dialogen, die zweifelsfrei belegen, dass sich das Spiel zu keinem Zeitpunkt ernst nimmt.

In jedem Fall gestaltet sich eine simple Nachinterpretation des Geschehens nach rund sieben bis acht Stunden Spielzeit als relativ schwieriges Unterfangen. Auf Basis der geschilderten Ausgangsposition tritt ein Spiderman aus dem Jahr 2099 namens Miguel O´Hara auf den Plan um den Peter Parker des Jahres 1999 zu retten. Hinter all dem scheint der böse Wissenschaftler Walker Sloan zu stecken, seines Zeichens Chef von Alchemax. Ein Zeitportal eröffnet ihm die Möglichkeit die Vergangenheit zu seinen Gunsten verändern zu können, etwa seinen Konzern kurzerhand zum wichtigsten Rüstungslieferanten des Planeten zu machen. Oder eben auch den freiberuflichen Fotografen des Daily Bugle, Peter Parker, in dieser manipulierten Zeitlinie zum Vorzeige-Angestellten von Alchemax zu ändern. Bis zum imposanten Endbosskampf freuen sich Spiderman-Fans darüber hinaus auf ein Wiedersehen mit bekannten Figuren: Anti-Venom, Dr. Octavius, Mary Jane, Jonah Jameson sowie Black Cat wurden gesichtet.

Vernetzte Spielmechanik

Die Story ist die eine Sache, die Spielmechanik wiederum eine ganz andere und doch gleicht auch hier der erste Eindruck, denn oberflächlich betrachtet handelt es sich bei Spiderman: Edge of Time ein um die Hälfte beschnittenes Spiderman: Shattered Dimensions. Statt vier Helden schwingen, krabbeln, hüpfen und prügeln sich nunmehr eben nur noch Amazing Spiderman sowie sein Pendant aus dem Jahre 2099 durch einen gigantisch großen Gebäudekomplex – was wiederum im Umkehrschluss bedeutet, dass es keinerlei Außenlevel mehr gibt. Die Entwickler haben hier mit Tricks gearbeitet, denn viele Räume sind wahrlich gigantisch, nicht selten mit einer gefühlten Höhe von 30 bis 100 Metern. Selbst simpelste Luftschächte, in denen die beiden Spidermen nur krabbelnd vorankommen, sind in ihrer Schlauchartigkeit überaus groß ausgefallen. Nimmt man dann auch noch fast endlos wirkenden die Freifall-Sequenzen – God of War 3 lässt grüßen – dazu, muss sich die tatsächliche Größe des Komplexes auf mehrere 1000 Quadratkilometer bemessen. Lange Schreibe, kurzer Sinn: Spielumgebung sowie Leveldesign wirken unglaublich stark konstruiert.

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Wenn bis hierhin eure strapazierfähige Toleranzgrenze noch immer nicht meilenweit überschritten wurde, dann ändern wahrscheinlich massenhaft dumm auftretende Gegnerhorden nichts mehr daran. Diese treten in allen drei Schwierigkeitsgraden – erfreulicherweise jederzeit änderbar, der letzte muss freigespielt werden – mit nur rudimentär erkennbaren Verhaltensmustern auf, springen bzw. rennen schon mal vom Spieler aus der Ferne beobachtet minutenlang gegen Mauern und lassen sich grundsätzlich (mit nur wenigen Ausnahmen) mit bloßem Knopfgehämmere zur Strecke bringen, was viele Fähigkeiten des Upgrade-Systems zur Sinn- und Nutzlosigkeit degradiert. Fast schon logische Konsequenz aus all dem sind die quasi nicht vorhandenen Defensiv-Fähigkeiten der Helden, mehr als eine Handvoll Schlagmöglichkeiten in Verbindung mit exzessivem Ausweichen oder dem aufladbaren Zeitparadoxon ist in der Regel nicht nötig um Räume erfolgreich von Gesindel zu säubern. Dazu gesellen sich vereinzelte Kameraprobleme, einen triftigen Grund zum Ableben bietet aber auch dieses Manko nicht. Ohnehin sind automatische Speicherpunkte überaus fair und großzügig gesetzt. Trotz all dieser Mängel spielt sich Spiderman: Edge of Time angenehm flott, unkompliziert und überaus spaßig. Spätestens nach dem gelungenen Abschnitt, in dem einer der beiden Helden im wahnwitzig schnellen Gleitfall unzähligen Gegenständen ausweicht um im letzten Moment einen lieb gewonnenen Charakter aus dem abstürzenden Fahrstuhl zu retten. In diesen Momenten hat einen das Spiel in seinen Fängen oder eben nicht…

Ursache und Wirkung

Spielerisch könnte mehr Abwechslung geboten werden, denn besonders anfangs wiederholen sich die Spielmechaniken auf linearen Wegen zu schnell, beide Spielfiguren spielen sich zu ähnlich zumal der Wechsel zwischen ihnen zwar sehr gut inszeniert ist aber fest vorgegeben wird. Das bessert sich glücklicherweise etwa zur Mitte des Abenteuers, wenn Spiderman beispielsweise in einer Art Biotop drei Atomsicherungen für das Zeitportal auftreiben muss. In diesen Momenten macht dann auch der Spinnensinn tatsächlich viel Sinn: Feinde werden sichtbar, Gegner mit Sicherheitsschlüsseln identifiziert und ganz nebenbei instinktiv Wege zum nächsten Ziel erkannt. Noch offensichtlicher sind rote Orbs und Kugeln in den Levels verteilt. Rote sind gut für die Lebensenergie, blaue können als Portalenergie ins Upgrade-System investiert werden und somit Kampffähigkeiten verbessern. Goldene Spinnen sind etwas besser in der Spielumgebung versteckt oder Gegner tragen sie mit sich, verbessern die Charakterwerte wie Gesundheit, Regeneration, Schild sowie Ausdauer. Der integrierte Spinnen-Finder blinkt auf sobald eines der Spezialobjekte in der Nähe ist.

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Eine große Besonderheit bietet Spiderman: Edge of Time dann aber doch noch: Da zwei Zeitlinien parallel zueinander ablaufen gibt es so genannte Ursache-und-Wirkung-Momente, durch die sich Aktionen der einen Spielfigur unmittelbar auf die andere auswirken. Sowas sieht man nicht alle Tage, etwa beim Adventure-Klassiker Day of the Tentacle. Hier ein Beispiel: Spidey droht in der Zukunft von einem Riesenroboter zerquetscht zu werden. In der anderen Zeitlinie schafft es der Freund unter Feindbeschuss eben jenen Roboter innerhalb eines knappen Zeitlimits außer Betrieb zu nehmen. Immer wieder werden diese Aktionen gekonnt in Szene gesetzt dank Bild-in-Bild-Optik, die die Auswirkungen sofort aufzeigen. Wieder mit dabei ist das Herausforderungsnetz, die speziellen Kampf- oder Hindernisbasierten Aufgaben werden mit fortschreitender Spieldauer freigeschaltet und belohnen mit guten Extras (u.a. Actionfiguren als Grafiken, amüsante Zeitungsartikel, usw.). Abwechslungsreich sind aber auch die nicht, geht es doch meist darum innerhalb eines Zeitlimits Orbs zu sammeln und Gegner zu besiegen.

Technische Zerrissenheit

Auch technisch zeigt sich Spiderman: Edge of Time zerrissen. Zwar sehen die Hauptfiguren allesamt recht ansehnlich aus und bewegen sich größtenteils fein animiert durch das Abenteuer, ganz im Gegensatz zu den einfallslosen und detailarmen Standardgegnern. Viele Innenräume wiederholen sich, sind entweder leer oder beinhalten die ewig gleichen Objekte. Oftmals wünscht man sich als Spieler beim Vorbeilaufen an einer großen Fensterfront einfach den Ausbruch ins Freie. Als große Stärke stellt sich schon sehr schnell die Vertonung heraus: Zwar wird lediglich Englisch gesprochen, dafür aber wirklich ausgezeichnet sowie mit deutschen Untertiteln. Hier passt jeder Ton der bekannten Sprecher, etwa Schauspieler Val Kilmer als Walker Sloan. Gar bombastisch präsentiert haut eine jederzeit passende Musikuntermalung auf den Putz. Kein Wunder, hier war Gerard Marino (God of War) am Werk, ihm ist dieser fantastische Ohrenschmaus zu verdanken.

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Ins Netz gegangen: Das Fazit

Es ist nicht ganz einfach das neue Spiderman-Spiel zu bewerten. Oberflächlich betrachtet hat der Titel einfach viel zu viele Mängel und ist spielerisch zudem über weite Strecken keine Herausforderung. Wäre da nicht dieser fast schon unerklärlich aufkeimende Spielspaß, den Zeitreise-Story, tolle Dialoge, Ursache-und-Wirkung-Momente und die ein oder andere gelungene Freifall-Sequenz auslösen können. Den direkten Vergleich mit Batman: Arkham City hat Spiderman: Edge of Time zwar verloren, Sympathien bei mir aber zweifelsfrei gewonnen.

Spider-Man: The Edge of Time Testbericht

Spider-Man: The Edge of Time

  • Release: 14.10.2011
  • Genre: 3rd Person Action, Action
  • Entwickler: Beenox Studios
  • Publisher: Activision

Gutes

unkomplizierter Spielablauf
Ursache-und-Wirkung-Momente
interessante Story
zwei spielbare Spidermen
fantastische Musik
gute (englische) Sprachausgabe
gelungene Extras
toller Endbosskampf

Schlechtes

sehr dumme Gegner
keine Außenlevel
kaum Abwechslung
schlichte Grafik
vereinzelte Kameraprobleme
vergebenes Potenzial
stark konstruiertes Leveldesign

7.0 / 10 Gut

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