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Sniper: Ghost Warrior – Review

Artikel von | 21.05.2011 um 00:00 Uhr

Nach überwiegend erbärmlichen Versuchen, die ohnehin schon vollgestopfte Welt der Ego-Shooter mit Billigtiteln wie Operation Blitzsturm, Code of Honor oder Battlestrike zu bereichern, haben sich die polnischen Entwickler von City Interactive endlich zusammengerissen. Herausgekommen ist auf Basis der schicken Chrome Engine 4 der Ego-Shooter Sniper: Ghost Warrior, nun auch endlich für PS3 und somit fast ein Jahr nach Veröffentlichung für PC und Xbox 360. Überraschenderweise bekommen PS3-Spieler als Entschädigung inhaltlich deutlich mehr geboten, doch lohnt der gezielte Blick durch das Scharfschützenvisier überhaupt noch?

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Die Camper

Die Geschichte hinter Sniper: Ghost Warrior könnte oberflächlicher nicht sein und erinnert in seiner Art an eine typische Uwe-Boll-Produktion, sprich solide Optik mit überaus chaotischer Regie ohne echte nennenswerte Höhepunkte, aber trotzdem mit einer ganzen Menge fast unerklärlicher Spannung dank gelungenem Missionsdesign. Keine Frage, die Stärken des Titels finden sich nur bedingt in der Präsentation wieder, die wie eine eilig dahingekritzelte Reißbrett-Version von aktuellen Call-of-Duty-Titeln daherkommt. Das südamerikanisch angehauchte Eiland Isla Trueno ächzt nach dem Sturz seiner friedlichen Demokratie unter dem brutalen Terror-Regime des tyrannischen Diktators Manuel Vasquez – ganz im Sinne typischer Klischees gut abgeschirmt mit undurchsichtiger Sonnenbrille, schlechter Rasur und dicker Zigarre dargestellt. Genau an dieser Stelle greift der Spieler auf Seiten eines gut geschulten Delta-Force-Angriffteams ins Geschehen ein, um die Rebellion zu unterstützen und dem unmenschlichen Treiben ein Ende zu setzen. Ähnlich wie in so vielen anderen Genre-Vertretern wechselt die Spielersicht zwischen zwei Figuren hin und her, nämlich einem reinrassigen Scharfschützen sowie dem Sturmsoldaten. Großartige Unterschiede in der Spielweise lassen sich aber nicht ausmachen, sieht man einmal von der ein oder anderen erzwungenen Spielsituation während der etwa achtstündigen Einzelspielerkampagne ab.

Geistreiche Verbesserungen

Eine Sache sofort vorweggenommen: Die selbst ernannte, realistischste Videospiel-Scharfschützensimulation aller Zeiten ist Sniper: Ghost Warrior dann doch nicht geworden – weder auf PC oder Konsole. Lediglich im höchsten der drei Schwierigkeitsgrade müssen Entfernung zum Gegner sowie Umwelteinflüsse (Regen, Nebel, Wind) tatsächlich selbst abgeschätzt werden, während beide leichteren Stufen noch mit einem roten Punkt als Zielhilfe das Snipern deutlich zugänglicher machen. Zudem gibt es den Herausforderungs-Modus, der nur noch die Sichtbarkeitsanzeige als Hilfsmittel zur Verfügung stellt, Radar sowie Zielhilfe sind hier komplett ausgeschaltet. Grundlegendes erklärt ein kurzes Tutorial in Form einer spielbaren Einführung: Hier lernt man den Umgang mit dem Scharfschützengewehr oder Granaten, dem effektiven Verstecken vor Feinden und möglichen Haltungen der Spielfigur – also Stehen, Hocken, Liegen sowie Springen.

Missionsziele erhält man mitten im Geschehen per Funkkontakt, die dann auch per Select-Taste immer wieder aufgerufen werden dürfen, zudem zeigen eingeblendete Checkpoints den Weg zum nächsten Ziel immer an. Viele Wegpunkte bedeuten aber auch häufig kurze Speicherpausen, die sich leider durch Einfrieren des kompletten Bildes deutlich bemerkbar machen. Spielerische Höhepunkte finden sich im abwechslungsreichen, nicht selten dynamischen Missionsablauf dank der großen Areale und dadurch resultierender, alternativer Vorgehensweisen wieder: In einem Abschnitt ist es möglich, sich ungesehen bis zu einem Transporter durchzuschlagen, der den Spieler gemütlich ins nächste Lager verfrachtet. Geht die Spielfigur hier zu ungestüm vor und erregt die Aufmerksamkeit der Feinde, muss man sich den langen Weg zum Lager ungleich mühsamer erarbeiten. Umsichtige, vorausschauende Spielweise wird also auch belohnt, meist läuft es für den geneigten Scharfschützen einfach so ab, dass man sich bei Feindkontakt erst einmal fern hält und besser ungesehen herumschleicht um eine höhere gelegene Stelle zwecks Schusswechsel zu suchen. Besonders spannend sind aber diejenigen Einsätze, in denen der Spieler komplett ungesehen in eine Basis eindringen muss, nur um anschließend genauso geschickt wieder herauszukommen. Am effektivsten funktioniert das übrigens mithilfe des gedrückten L3-Sticks um den Atem für kurze Zeit anzuhalten. Das verlangsamt nicht nur die die Zeit, sondern fokussiert auch das Ziel deutlich. So gelingen die Bullet-Cam-Abschüsse auch besser, die den Verlauf der Kugel bis zum blutigen Einschlag sehenswert präsentierten. Ein anderes Beispiel für durchaus vorhandenen Spielwitz: Will der Scharfschütze zwei Gegner in unmittelbarer Sichtweite ausschalten, könnte der daraus hervorgehende Lärm die anderen Wachen aufschrecken und Alarm auflösen, die Mission wäre unweigerlich gescheitert.

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Per Funkspruch wird ohrenbetäubende Hilfe angeboten, den beiden Ahnungslosen innerhalb des daraus resultierenden Zeitfensters von zehn Sekunden unauffällig das Licht ausgeknipst. Im nächsten Augenblick unterstützen wir bereits das am Boden vorrückende Team mit gezielten Schüssen auf die restlichen Wachposten. Später werden reichlich verteilte Widersacher vom schippernden Schlauchboot aus zielgenau aufs Korn genommen, während sich im Hintergrund bereits gegnerische Hubschrauber ankündigen. Beide spielbaren Charaktere arbeiten aber auch zusammen und bieten sich gegenseitige Unterstützung, etwa wenn man aus sicherer Entfernung die Widersacher markiert, damit der Scharfschütze weiterkommt. Ebenso gelungen wird der erzielte Kopfschuss gefeiert, während ein Soldat versucht die lästige Mückenplage vor seinem Gesicht mit fuchteligen Handbewegungen zu verscheuchen. Spielerisch sind also einige nennenswerte Höhepunkte gegeben, erinnert stellenweise sogar frappierend an das Vorgehen in Metal Gear Solid 3: Snake Eater oder der PC-exklusiven Reihe Project IGI. Bereits erspähte Gegner zeigt die Minikarte auf dem oberen linken Bildschirm übrigens als rote Markierung an. Ebenfalls erwähnenswert, dass sich die Lebensenergie nicht vollständig regeneriert, sondern sich ähnlich wie im ersten Battlefield: Bad Company auf Knopfdurck wieder auffüllen lässt – genügend aufgesammelte Medizin vorausgesetzt.

Was sich so begeisternd liest, offenbart aber auch viele kleine und große Mängel, die Sniper: Ghost Warrior letztendlich doch nur für hartgesottene Ego-Shooter-Fans empfehlenswert macht. An viel zu vielen Objekten bleibt die Figur ständig hängen, das Erklimmen bzw. Herabsteigen einer Leiter verkommt zum hakeligen Ärgernis und das Gegnerverhalten zeigt mehr Aussetzer als die Fußballabteilung des FC St. Pauli beim historischen 1:8 gegen Bayern München. Trotzdem zählt das Gegnerverhalten tatsächlich zu den positiven Verbesserungen gegenüber den anderen erhältlichen Versionen, weil sie gerade dort ungleich aufmerksamer und weitaus unfairer agierte. Die PS3-Version wirkt in diesem Punkt viel ausgereifter, aber auch alles andere als perfekt. Zusätzlich enthält diese Fassung bereits alle bis dato erschienenen Updates, Bonusmissionen sowie zwei neue Scharfschützengewehre (L96 und Cheytac M200). Zum Waffenarsenal gehören außerdem Wurfmesser, C4-Sprengladungen, Granaten, Pistole mit Schalldämpfer und vier andere Scharfschützengewehre: AS50, MSG90, SR-25 und die gute alte Dragunow. Außerdem lässt sich jede beliebige Waffe eines erschossenen Gegners benutzen. Sniper: Ghost Warrior ist in der deutschen Version zwar weitestgehend ungeschnitten, trotzdem fehlt im Intro das Blut komplett, Splattereffekte gibt es überhaupt nicht und viele Leichen verschwinden nach kurzer Zeit.

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Technik: Volltreffer und voll daneben

Auch im Vergleich zur Version für Xbox 360 wurde grafisch noch einmal nachgebessert – ohne allerdings PC-Qualitäten zu erreichen, wo die Chrome Engine 4 ihre volle Stärke entfaltet. Ähnliches konnte man bereits in der Vergangenheit bei Call of Juarez: Bound in Blood begutachten, das auf der gleichen Grafikengine läuft und ähnliche Merkmale zeigt. Große Areale zeigen zwar schöne Panoramabilder im tropischen Szenario mit enormer Weitsicht, üppiger Vegetation und teilweise guten Texturen – unter genauerer Betrachtung bestimmt jedoch ebenso viel Pixelmatsch das Gesamtbild wie unsichtbare Barrieren, penetrante Zeilenverschiebung (Tearing), Clipping-Fehler oder Glitches. Dafür wurden nervige Pop-Ups bis auf ein Minimum entfernt und die bessere Beleuchtung wirkt ungleich stimmungsvoller – auch wenn kurioserweise oft die dazugehörige Lichtquelle fehlt, was bei den ansonsten atmosphärischen Nachteinsätzen auffällt. Passende Musikschnipsel wiederholen sich zwar öfters, sorgen aber für richtig gute Stimmung, was man von der deutschen Sprachausgabe nicht immer behaupten kann. Die ist zwar grundsätzlich in Ordnung, doch warum der Protagonist bei einer versteckten Schleichmission plötzlich ins Funkgerät brüllt, wird wohl eine unbeantwortete Frage bleiben. Stark: Der Spielcharakter schnauft hörbar beim Anvisieren und feindliche Besatzer reden in südländischer Sprache inklusive starkem Akzent. Das passt einfach super.

Multiplayer = Multikiller?

Wenngleich die Online-Funktionen der Playstation 3 nach dem verheerenden Hackerangriff so langsam wieder ihre Dienste aufnehmen, wird Sniper: Ghost Warrior kaum Land gegen übermächtige Konkurrenz wie Battlefield Bad Company 2, Call of Duty und Konsorten sehen, trotz neuer Mehrspielerkarten und zusätzlicher Modi wie Capture the Flag. Der Umfang mit elf Karten und den ewig bekannten Klassen per Online bzw. LAN gepaart mit der eher langsamen Spielgeschwindigkeit spielt besonders listigen Campern im wahrsten Sinne des Wortes in die Karten. Ansonsten bekriegen sich weiterhin bis zu zwölf Spieler in eher langatmigen Partien in Deathmatch, Team-Deathmatch oder VIP. Hier erhält ein Mitspieler den Namensgebenden Sonderstatus inklusive Punktebonus, gibt diesen aber nach dem Ableben wieder ab. Motivation finden Multiplayer-Fans in Ranglisten-Spielen.

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Zielsicheres Fazit

Sniper: Ghost Warrior hatten wohl nur eingefleischte Genre-Fans auf dem Bildschirm und auch für genau diese ist der Titel gemacht. Weit entfernt vom selbst auferlegten Anspruch, das realistischste Scharfschützenerlebnis überhaupt bieten zu wollen, punktet der Titel dennoch mit abwechslungsreichen, spannenden Missionen im tropischen Inselszenario. Abgesehen von der optisch schicken Bullet-Cam ist die PS3-Version im Vergleich sogar die inhaltlich beste Fassung, auch wenn sie weiterhin viele bekannte Mängel beinhaltet, die nicht vollständig ausgemerzt wurden. Ein kleiner Geheimtipp mit viel Steigerungspotenzial für den bereits angekündigten Nachfolger.

Sniper: Ghost Warrior Testbericht

Sniper: Ghost Warrior

  • Release: 27.04.2011
  • Genre: Action, Ego Shooter, First Person Action, Taktik
  • Entwickler: City Interactive
  • Publisher: City Interactive

Gutes

inhaltlich beste Version
abwechslungsreiche Missionen mit Spielwitz
tolle Bullet-Cam
spaßige Scharfschützen-Schießereien
große, weitläufige Areale
geschicktes Schleichen lohnt sich
hohe Weitsicht

Schlechtes

nicht wirklich realistisch
viele kleine Fehler
mehrere KI-Aussetzer
Story bleibt oberflächlich
unsichtbare Barrieren
keine Endsequenz

6.5 / 10 Nicht so gut

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