Sniper: Ghost Warrior 2 – Review

Getestet von | 16.03.2013 um 00:00 Uhr

2010 landete City Interactive seinen bislang größten Erfolg: Der bis dato eher kleine und unbekannte Entwickler brachte Sniper: Ghost Warrior auf den Markt. Mit der Unterstützung der Chrome Engine 4 schufen die polnischen Entwickler damit einen Shooter, der viele Genre-Fans ansprach, aber trotzdem nur bestenfalls mäßige Kritiken erhielt. Insgesamt verkauften sich von dem Shooter bis heute mehr als vier Millionen Einheiten. In diesem Jahr schickt man den Nachfolger Sniper: Ghost Warrior 2 ins Rennen, der sich dieses Mal der CryEngine 3 bedient. Hohe Erwartungen waren daher an City Interactives aktuelles Projekt geknüpft, durfte man zumindest schon einmal gute Grafik erwarten. Ob diese und der Rest wirklich überzeugen kann, erfahrt ihr in unserem Test.

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Wind, Ballistik, Herzschlag – Snipern im Realismus-Gewand?

Zur Story von Sniper: Ghost Warrior 2 wollen wir nicht allzu viele Worte verlieren, denn erstens ist sie nicht das Herzstück des Spieles, und zweitens eben auch nicht mehr als die Dreingabe, um etwas zu haben, das man erzählen kann. So viel: Wir schlüpfen in die Rolle von Anderson und gemeinsam mit unseren Sniper-Kollegen müssen wir eine fiese Ganovenbande davon abhalten, eine Biowaffe auf die Erde loszulassen. Die Story führt uns durch drei verschiedene Akte mit jeweils vier Missionen. Ganz interessant: Obwohl wir nicht so wirklich viel Bindung zum Protagonisten aufbauen können, wird die Story teilweise in Rückblenden erzählt und geht somit ein wenig über ganz gewöhnliche Erzählungen hinaus. Viele Facetten hat sie aber eben nicht, was wohl für einen Shooter auch reicht. Jedenfalls sorgt sie dafür, dass wir uns in verschiedene relativ abwechslungsreiche Terrains begeben. Auch die Spielzeit unterstützt die Shooter-Theorie: Je nach Expertise im Genre hat man das Ganze nach etwa 5-6 Stunden durch.
Interessanter ist es doch da schon, sich das Gameplay von Sniper: Ghost Warrior 2 anzuschauen. Die Entwickler versprechen, ein realistisches Sniper-Erlebnis abzuliefern, das durchaus auch mal Köpfchen erfordert. Und so werden bei eurem Tagwerk die realistischen Faktoren wie Wind, Eigenschaften der Kugel sowie euer Atem und Herzschlag mit einberechnet. Nur weil also das Fadenkreuz gerade auf eurem Gegner steht, müsst ihr trotzdem noch lange nicht treffen.
Verschiedene Schwierigkeitsgrade stehen euch zur Verfügung, sodass ihr das Spiel euren Fertigkeiten anpassen könnt: Auf dem einfachsten erhaltet ihr alle möglichen Hilfestellungen. So werden euch die Gegner auf eurem Radar angezeigt und euer Fadenkreuz beinhaltet einen roten Punkt, der euch noch vor dem Schuss zeigt, wohin eure Kugel gehen wird. Steigert ihr die Schwierigkeit, fallen diese Hilfestellungen nach und nach weg und auch die KI wird ein wenig strenger mit euch. Das ist dann auch dringend nötig, trotzdem ist ihre Qualität aber ein wenig schwankend: Wenn sie gerade auf der Suche nach euch ist, lässt sie sich häufig unterbrechen, wenn ihr einfach einen aus dem Suchkommando abschießt –etwas schade! Zudem verlassen sie häufiger mal einfach so ihre Deckung, ohne einen Plan zu haben, wo ihr seid und bleiben dann einfach stehen.
Auf der höchsten Schwierigkeit wird Sniper: Ghost Warrior 2 aber definitiv zu einem anspruchsvollen Erlebnis. Euer Treffer ist nicht gesichert, aber man sollte es wirklich vermeiden, entdeckt zu werden, zumindest, wenn die Gegner allzu nahe sind: Offene Schussgefechte überlebt man selten. Hier muss man dem Spiel auf alle Fälle zu Gute halten, dass ihr tatsächlich nur euer Snipergewehr und eine Pistole zur Verfügung habt. Davon abgesehen könnt ihr noch Stealth-Kills ausüben, wenn ihr euch von hinten unbemerkt an einen Gegner anschleicht und dann R3 drückt.
Große Rambo-Szenen sind in Sniper: Ghost Warrior 2 also ausgeschlossen. Mit eurer Pistole besteht ihr bestenfalls gegen zwei bis drei Gegner, wenn diese euch zu nahe kommen, aber selbst dann müsst ihr schon gut mit eurer Deckung umgehen. Auch sehr gelungen ist es den Entwicklern, dass ihr tatsächlich immer gegen eine realistische Anzahl an Gegnern antreten müsst: Halten sie irgendwo Wache, sind es vier oder fünf, streifen sie nur so durchs Gebiet, trefft ihr mal einen oder zwei. Zum Glück haben die Entwickler also auf übergroße Anzahlen an Gegnern verzichtet. Das ist auch gut so, denn auch bei vier Gegnern heißt es durchaus, ein wenig zu planen, wen ihr zuerst abschießt. Am besten fangt ihr nämlich mit dem an, den gerade niemand sieht. Um es kurz zu machen: Entdeckt werden heißt in vielen Fällen Tod, zumindest, wenn die KI identifiziert, wo ihr gerade seid!

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Gameplay mit Vielfalt?

In erster Linie dreht sich in Sniper: Ghost Warrior 2 natürlich alles ums Snipern. Euer Gewehr ist die mit Abstand am meisten benutzte Waffe. Nur wenn ein Gegner allzu nahe kommt, dürft ihr mal eure Pistole auspacken, um ihn schnell und unkompliziert zu neutralisieren. Trotzdem haben die Entwickler versucht, etwas Abwechslung einzubauen: So gibt es Passagen, in denen wir einfach nur durch ein Terrain schleichen müssen, weil einfach zu viele Gegner da sind, um sie auszuschalten. Das machen wir meistens mit einem Partner zusammen und das funktioniert auch ganz gut. Schade nur, dass wir hier teilweise entdeckt werden, obwohl unser Partner noch deutlich sichtbarer da steht!
Ansonsten beziehen wir auch regelmäßig feste Sniper-Bezugspunkte: Dann können wir uns nicht mehr bewegen und müssen ein bestimmtes Terrain nach und nach von Feinden säubern, während unsere Kollegen sich Stück für Stück durch das Gebiet schleichen. Diese Passagen machen oft am meisten Spaß, denn uns selbst kann da nicht so viel passieren und häufig erhalten wir sogar klare Anweisungen, wen wir gerade abschießen sollen, da die Kollegen am Boden die Lage für uns auskundschaften. Dann heißt es manchmal nur schnell sein, damit nicht unsere Kollegen entdeckt werden oder die Feinde uns auf die Schliche kommen, da sie eine Leiche aus ihren eigenen Reihen entdecken.
Am meisten krankt Sniper: Ghost Warrior 2 an seinem absolut linearen Ablauf, der sich auch in den Leveln widerspiegelt: Diese sind streng linear und schlauchig aufgebaut und meist überhaupt nicht weitläufig. Nur in wenigen Missionen haben wir mal mehr Freiheit, aber dann müssen wir meist sofort wieder Missionszielen folgen. Zu entdecken gibt es davon abgesehen sowieso nicht viel. In jeder Mission sind lediglich vier Geheimnisse versteckt, wobei es sich dabei um kleine Statuen oder Filmbänder handelt. Einen gesonderten Sinn haben diese nicht, außer dass ihr euch das Level ein wenig näher anschauen müsst und am Ende eine Trophäe dafür bekommt. Meistens ist es auch gar kein Problem, die Geheimnisse zu finden. Wie gesagt: Viele Plätze zum Verstecken gibt es ja nicht.
Am nervigsten ist es da, dass wir nichtmal bestimmte Levelgrenzen verlassen können. Zwar gibt es keine unsichtbaren Wände, überschreiten wir aber eine Linie, die rot auf unserem Radar markiert ist, für mehr als sechs Sekunden, gilt die Mission als gescheitert. Das ist absolut nervig, da die meisten Level eben wirklich klein sind. Da hilft es dann auch nicht, dass sie relativ abwechslungsreich und recht hübsch sind. So gibt es in den Missionen auch selten Handlungsalternativen, zumindest wenn es darum geht, sich fortzubewegen, da schlicht und einfach keine Freiräume da sind. Nur wenn wir mal einen anderen Gegner zuerst ausschalten, können ihr ein wenig auf eigene Faust unser Ding durchziehen.
Ungünstig gesetzt sind häufig die Speicherpunkte, denn scheitern wir, müssen wir häufig noch einmal mehrere Spielminuten zuvor absolvieren. Extrem nervig: Bei jedem Speichern stockt das Spiel für teils mehrere Sekunden. Bitte nachbessern!

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Und wie macht sich die CryEngine 3?

Die Entwickler haben sich für Sniper: Ghost Warrior 2 die CryEngine 3 lizenziert, die eine hübsche visuelle Erfahrung verspricht. Hier muss man jedoch sagen, dass sich die tatsächlichen Ereignisse auf dem Bildschirm eher schwankend darstellen: Grundsätzlich sind alle Level relativ hübsch gestaltet und sehen gut aus, aber bei genauerem Hinsehen offenbaren sich Schwächen: Die Texturqualität ist extrem schwankend, insbesondere in den Zwischensequenzen (!) fühlten wir uns teilweise in die letzte Konsolengeneration versetzt. Die Pflanzen, insbesondere zum Beispiel Schilf, sehen ab und zu eher unschön aus. Störend ist auch, dass es den eigentlich guten und dicht bewachsenen Leveln häufig an Detailreichtum fehlt, sollten wir mal die Hauptpfade verlassen. Dann wurden lustlos Kisten oder sonstige Objekte in die Welt gesetzt. Insbesondere die Einrichtung von Häusern, die wir ab und zu durchstreifen, wirkt so eher lächerlich, da nur einige wenige Objekte wie Stühle oder Tische modelliert wurden, mit denen dann alles ausgestattet wurde.
Sehr enttäuscht hat uns in dieser Hinsicht auch, dass wir in Sniper: Ghost Warrior 2 zwar tauchen dürfen und die Wassereffekte wirklich hübsch sind, es aber unter Wasser überhaupt nichts zu sehen gibt. Nur Gestein, aber keine Pflanzen, Fische oder sonstigen Tiere. Schade!
Weiterhin können auch die Bewegungen der NPCs teilweise nicht ganz überzeugen, da sie sehr unnatürlich wirken. Negativ anmerken müssen wir ebenfalls noch die „Bullet-Cam“: Hier verfolgt ihr teilweise eure Kugel des Sniper-Gewehrs, bis sie euren Gegner trifft. Positiv ist, dass sie tatsächlich dort einschlägt, wo ihr hingezielt habt, jedoch sieht die Bullet-Cam eher wie dem ersten Counter-Strike entsprungen aus.
Insgesamt hinterlässt Sniper: Ghost Warrior 2 aber visuell trotzdem einen ordentlichen Eindruck, bloß offenbart die CryEngine 3 eben nicht durchgängig ihre Power. Weniger überzeugen konnte uns der Sound, zwar sind viele Effekte durchaus gelungen, aber die deutsche Synchronisation lässt doch zu wünschen übrig. Weniger aufgrund der Stimmen, sondern vielmehr dadurch, dass mehrere Figuren sehr gleich klingen, es aber im Gegensatz dazu so wirkte, als habe unser Protagonist Anderson gleich mehrere Synchronsprecher gehabt. Sehr positiv anzumerken ist aber die Abmischung der Tonspuren: Egal ob Ingame oder in Zwischensequenzen, die Sprecher und Figuren waren immer gut zu verstehen.

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Fazit

Mit Sniper: Ghost Warrior 2 ist den Entwicklern von City Interactive ein recht solider Shooter gelungen, der uns zwar in keiner Hinsicht voll begeistern konnte, aber auch nicht enttäuscht hat. Richtig gemacht wurde auf alle Fälle beim Gameplay Vieles, denn wir treten gegen eher wenige, aber dafür anspruchsvolle Gegner an. Überhaupt richtet sich das Spiel auf höchstem Schwierigkeitsgrad durchaus auch an Shooter-Profis, da viele Faktoren wie Wind, Ballistik und sogar euer Herzschlag bei jedem Schuss berücksichtigt werden. Nur Fans von blindem Dauergeballer sollten um Ghost Warrior 2 einen großen Bogen machen! Technisch gibt es Licht und Schatten, ebenso ist die Qualität der Gegner-KI schwankend. Bestenfalls durchschnittlich ist auch der Umfang: Etwa 5 Stunden Spielzeit könnt ihr anberaumen. Zum aktuellen Verkaufspreis von etwa 40 Euro, spätestens aber zum Budgetpreis dürfte das Spiel aber einen Blick wert sein.

Gutes

+ Wenige Gegner, dafür anspruchsvoll
+ Kein stupides Dauergeballer
+ Abwechslungsreiche Level
+ Gute Tonabmischung

Schlechtes

- Extrem linearer Ablauf mit wenigen Highlights
- Kleine Level mit wenig Freiräumen
- Levelgrenze, die nicht überschritten werden darf
- Schwankende technische Qualität
- Schwankende KI
- Eher geringer Umfang

6.5 Mittelmäßig

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