Red Dead Redemption – Review

Getestet von | 17.06.2010 um 00:00 Uhr

Zu den Pferden
Wenn Rockstar Games an einem neuen Open World Spiel dran ist, schrillen bei so manchen sicher die GTA-Alarmglocken. Im Falle von Red Dead Redemption entschieden sich die Entwickler diesmal aber zugunsten der Umwelt, und ersetzten das blecherne Fuhrwerk durch Pferde. Bereits mit dem inoffiziellen Vorgänger Red Dead Revolver konnte Rockstar genug Wild West Erfahrung sammeln um sie nun im neuen Gewand auf die aktuelle Konsolengeneration los zu lassen. Lest in den folgenden Zeilen selbst ob wir mit dem wilden Westen tatsächlich soviel verpasst haben, um diesen in Form von Red Dead Redemption wieder aufleben lassen sollten.

Wild Wild West?
Nordamerika. Anfang des 20. Jahrhunderts. Genauer gesagt anno 1911. Die Ära des wilden Westens neigt sich dem Ende zu. Automobile drohen die immer noch unverzichtbaren Pferde zu verdrängen und Cowboys komplett von der Bildfläche verschwinden zu lassen. John Marston ist einer von ihnen. Ein ehemaliger Outlaw, ein Gesetzesloser dem nun seine düstere Vergangenheit eingeholt hat. Es dauert einige Spielstunden bis überhaupt klar wird warum Marston, begleitet von Männern des Gesetzes, erneut den Westen Nordamerikas aufsucht. Licht in die Sache kommt erst als er angeschossen von der Farmerin Bonnie MacFarlane gerettet wird. Die Regierung fand in John eine bessere Verwendung als den Galgen. Nämlich seine ehemalige Gang zu jagen und im Namen des Gesetzes unschädlich zu machen. Mit der Drohung seine zuvor entführte Familie zu ermorden bleibt dem eher schweigsamen aber charismatischen Helden nichts anderes übrig als Folge zu leisten. Auf Ausflüge zu Indianerstämmen wird während der Verfolgungsjagd allerdings verzichtet werden müssen. Diese konnten dem wachsenden technischen Fortschritt einfach nicht mehr standhalten. Eine klassische Indianer/Cowboy Geschichte darf von Red Dead Redemption also nicht erwartet werden. Rockstar beweist mit ihrem neuesten Spiel das es aber auch ganz klar ohne Klischee möglich ist, eine spannende und glaubwürdige Wild West Handlung zu erzählen. Eine Handlung die sich die Waage zwischen vorhersehbaren Szenen und völlig unerwarteten Momenten gibt.

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Grand Theft Horse
Rockstar´s Red Dead Redemption orientiert sich vom Gameplay her stark an der hauseigenen GTA-Reihe, und darf durchaus als das GTA des wilden Westens bezeichnet werden. So erwartet auch John Marston eine weitläufige völlig ohne Ladepausen erkundbare Open World. Überfüllte Großstädte dürfen allerdings genau so wenig erwartet werden wie jede Art von Fahrzeugen. Ohne Pferd als Transportmittel kommt man deshalb im wahrsten Sinne nicht weit. So wird dem Spieler schon zu Spielbeginn ein passender Gaul zur Verfügung gestellt, der fortan an fast jeden Ort der Welt zu sich gerufen werden kann. Da sich ein Großteil von Red Dead Redemption mitten in der Wildnis abspielt, und einem das Pferd bei Schusswechsel schon mal davonrast oder dabei gleich das Zeitliche segnet, ist diese Funktion praktisch unverzichtbar. Bereits nach den ersten Missionen, die Grundfunktionen wie etwa reiten oder schießen erklären, erlernt Marston den Umgang mit dem Lasso. Einmal ein Wildpferd eingefangen lässt es sich fortan an einem eurer Verstecke anbinden und damit für zukünftige Ausritte abspeichern. Da es einem so nie an ein Pferd mangelt gerät allerdings das Stehlen fremder Pferde leider völlig in den Hintergrund. Sollte es bei einer dieser Straftaten auch noch zu Augenzeugen kommen hilft nur noch die Flucht von den Gesetzeshütern. Da John Marston jedoch ein neues besseres Leben beginnen will spielt der angehende Held während der Missionen meist auf Seiten der Guten, die allerdings abwechslungsreicher kaum sein könnten. Neben typischen Farmer-Missionen wie Kühe treiben oder Pferde zähmen kommt es in den meisten Fällen dennoch zu Schusswechsel gegen eine deutliche Überzahl an Gegnern, die besonders im ersten Drittel in Form von Banditen auftauchen. Nicht selten versucht Marston dabei gleichzeitig eine Kutsche zu lenken oder bestimmte Personen zu schützen. Beispielsweise Seth, einen durchgeknallten Totengräber der während der bleihaltigen Fahrt 2 Leichen nach einer Schatzkarte durchstöbert. Ein anderes Mal gilt es im später zugänglichen Mexiko die Eisenbahn vor Rebellen zu schützen. Einer der Missionen in der mittels fest montierter Gatling-Gun ganze Truppen von Angreifer zu Boden befördert werden müssen. Das einzige Maschinengewehr das sich im wilden Westen finden lassen wird. Marston´s Waffenarsenal umfasst dementsprechend durchschlagskräftige Waffen wie Revolver, Gewehre, Flinten oder später auch Dynamit und Brandflaschen. Für eine taktische Note sorgt das Dead Eye, mit der für kurze Zeit Gegner in Zeitlupe anvisiert werden und präzise ausgeschaltet werden können. Mittels Messer oder blanker Faust kann wahlweise aber auch direkt in den Nahkampf übergegangen werden, allerdings weicht dies dem eher actionreichen Spielfluss, genau wie das Schleichen in gebückter Haltung. Obwohl Red Dead Redemption überwiegend aus Wüsten besteht, lassen sich nicht nur in den Kleinstädten unzählige Nebenaktivitäten starten. Neben größeren Missionen abseits der Handlung kommt es je nach vorhandener Ruhm und Ehre überall auf der Spielwelt zu zufälligen Begegnungen mit Passanten, die um eure Hilfe bitten. Etwa einen Pferdedieb stellen oder eine Entführung verhindern. Zudem sorgen zahlreiche Minispiele für weitere Abwechslung. Unter anderem Poker in diversen Saloons, Hufeisenwerfen und Armdrücken. Wer auf Schießereien nicht verzichten will kann mit dem Lasso auch auf Kopfgeld gesetzte Banditen einfangen oder eines der Bandenverstecke auseinander nehmen. Als wäre das nicht alles schon genug spendierte Rockstar ihrer neuesten Welt ein vielfältiges Fauna und Flora Aufkommen, die wiederum mit weiteren Aufträgen verbunden sind. Besonders die Jagd nach diversen Tierarten sorgt optional für viele weitere Spielstunden, da selbige oft nur nachts oder Tags in der Wildnis auftauchen. Fleisch, Fell und Co. dürfen dem nächsten Händler verkauft werden, der in seinem Angebot auch immer wieder neue Waffen auf Lager hat. Um schnell von Ort zu Ort zu gelangen kann mittels Camping schnell zu jeden beliebig erreichbaren Punkt der Karte gehüpft werden, was lange Reisen zwischen den erwähnten Aktivitäten hinfällig macht.

Ausritt in die Prärie
Auf sensiblen Pferden bewegt es sich anders fort als auf seelenlosen Autos. Diese Weisheit wurde auch in Red Dead Redemption übernommen. So ändert der treue Vierbeiner je nach Gedrücke der X-Taste seine Geschwindigkeit. Während Marston bei festgehaltener X Taste noch lässig vor sich hin trappt, kommt es beim höheren Einsatz des Daumens zum Galoppieren. Wer allerdings das letzte aus seinem Pferd holen will sollte die Ausdauer mittels angezeigtem Balken im Auge behalten. Geht diese zu Neige wirft euch selbst der lahmste Gaul zu Boden. Dafür lässt sich mittels Dreieck-Taste auch von einem in Bewegung befindlichen Pferd schnell auf und ab hüpfen. Wenn nicht gerade durch die Wildnis geritten wird, kommt es zu der zweitliebsten Beschäftigung im wilden Westen. Schießereien. Per L1 ruft John Marston ein Kreismenü auf, über das mittels des rechten Analogsticks schnell eine der vorhandenen Waffenarten ausgewählt werden kann. Wenn bei dieser Aktion nicht bereits erschossen, reicht die L2 Taste um den nächstbesten Gegner automatisch anzuvisieren, um ihn anschließend mit der R2 Taste die gewählte Waffe zu demonstrieren. Was sich etwas umständlich anhört wird jedoch nach kurzer Eingewöhnung ganzen Banden in kürzester Zeit zum Verhängnis. Wahlweise auch auf dem Rücken eines Pferdes. Nur zu Fuss lässt sich allerdings hinter jedem Objekt Deckung suchen, aus der angelehnt auch gefeuert werden kann. Wer auf Auto-Aiming verzichten möchte steigt alternativ zur gedrückten L2 Taste auf den optionalen Experten-Modus umsteigen. Zusammengefasst wurde die Steuerung gut umgesetzt, auch wenn Marston in engen Räumen etwas zu hektisch reagiert und sich wie sein aktuelles Pferd nur auf freier Ebene wohl fühlt.

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Die Wüste lebt
So schön kann der Westen sein. Rockstar haucht denn diversen Wüstengebieten dermaßen viel Leben ein das sich der Spieler selbst in den entlegensten Winkeln nicht alleine fühlt. Jede der dutzendfach vertretenen Tierarten, wie etwa Grizzlys oder die extrem realistisch dargestellten Pferde, stehen den ebenfalls detaillierten Personen in nichts nach. Die Spielwelt gliedert sich dagegen in 3 unterschiedlichen Landschaftstypen, die über die Handlung nach und nach betretbar werden. In New Austin zeigt sich das typische Western-Feeling. Besonders die einzelnen Städte wie Armadillo könnten mit ihren hölzernen Bauten und ihren zentralen Saloons direkt aus einem Film entsprungen sein. Später geht es zu den steinigen Wüsten über die Grenze Mexikos, bis hin nach West Elisabeth, in dessen Stadt Blackwater spürbar der Fortschritt voran gegangen ist. Hier drängen unter anderem bereits gepflasterte Straßen den wilden Westen zurück. Im nördlichen Teil lädt als kleine Wüstenalternative auch noch ein verschneites bewaldetes Gebiet zur Erforschung ein. Technisch kann Rockstar besonders in der Weitsicht überzeugen. Auch von weiten erspäht das Auge noch eine Stadt oder bewegliche Objekte wie ein Rudel Wölfe. Allerdings dienen als Kompromiss teilweise starke Pop-Ups, die je Objekte oder dessen Texturen sichtbar vor Marston erscheinen lassen. Ein Manko das Rockstar allerdings durch aufwendige Himmelseffekte wieder wett macht. Besonders Gewitter sowie das Bildnis zur Dämmerung beeindrucken stets aufs Neue. Bei Sonnenschein kommt auch ein aus der Ferne auftretendes Hitzeflimmern auf, das in den Wüsten realistisch Hitze simuliert.

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Spiel mir das Lied vom Tod
Pferde besitzen keine eingebauten Autoradios. Die deutlichsten Geräusche die oftmals nur vernommen werden sind die Hufen eurer vierbeinigen Begleiter, die sich je nach Untergrund wie etwa Stein, Gras oder den Backsteinen in Blackwater völlig anders anhören. Auch allgemein setzen die akustischen Geräusche auf Realismus. Herannahende Tiere kündigen sich etwa so schon vor Sichtkontakt an, die durch ebenfalls glaubwürdig klingende Waffen rechtseitig bekämpft werden können. Die Hintergrund-Melodie präsentiert sich dynamisch, und spielt sich je nach Ort und Situation etwas anders ab. In der Regel dürfen hier aber leichte klangvolle Töne erwartet werden, die mehr darauf bedacht sind noch mehr Atmosphäre in die Wildnis zu bringen. An bestimmten Schlüsselstellen, etwa der Übertritt nach Mexiko, kommt es zudem zu einmaligen Songs, wie es in Videospielen leider nur selten vorzufinden ist. Für Rockstar eigentlich schon selbstverständlich wurde wieder großen Wert auf erstklassige Synchronsprecher geachtet, die mithilfe optionaler Untertitel ausschließlich im englischen Originalton zu hören sind. Sei es die heiser klingende Stimme von John Marston, oder der Akzent der mexikanischen Einwohner, die sich zum Leidwesen des Helden, auch immer wieder mal spanisch äußern.

Von wegen einsamer Cowboy
Bis zu 16 Spieler gleichzeitig lassen die Entwickler zusammen oder gegeneinander antreten. Kaum dem Multiplayer beigetreten fällt sofort die fehlende Lobby auf, die durch den freien Modus über die gesamte Spielwelt ersetzt wurde. Hier am Einstiegspunkt bleibt es jedem selber überlassen wie und mit wem er sich zusammenschließt. Über Select lässt sich per Einladung ein Trupp aus bis zu 8 Spielern bilden, die sich entweder auf der Freundesliste befinden oder auf der Karte gerade anwesend sind. Startet der Trupp-Führer nun einen anderen Modus, darunter „Jeder gegen Jeden“ und „Capture the Flag“ Varianten, folgt ihm anschließend die ganze Bande automatisch mit. Das Hauptaugenmerk sollte allerdings auf den primär gerichteten freien Modus liegen. Es macht einfach am meisten Spaß ohne Grenzen. wahlweise allein oder im Team, die Spielwelt unsicher zu machen. Der Trend liegt im Ausheben von Bandenverstecken, die wie so ziemlich alles Erfahrung auf dem Weg zu Rang 50 bringen. Selbst das Eliminieren seiner eigenen Teammitglieder, was mitunter schon mal Chaos mit sich bringt. Im negativen und positiven Sinne. Die lebende Spielwelt ist 1 zu 1 dem Offline-Modus entnommen. Einer gepflegten Wildjagd steht also genau so wenig entgegen wie mit einer Schießerei der Seite des Gesetzes. Anfänglich stehen dem Spieler nur ein lahmer Esel sowie die Standard-Ausrüstung zur Verfügung. Mit fortschreitendem Erfolg lassen sich allerdings ziemlich schnell neue Reittiere, Waffen, Charaktere und Titel wählen. Die Server laufen durchgehend stabil, können sich allerdings nicht vollends gegen Bugs erwehren. Etwa die gelegentlich fehlende feindliche Verstärkung innerhalb der Bandenverstecke. Irgendwann ist leider auch der Zeitpunkt an dem den Multiplayer schlicht die Luft ausgeht, indem bereits alles durchgenommen wurde, was dieser bietet. Damit es online nicht allzu schnell langweilig wird, liefert Rockstar bereits am 22.Juni den kostenlosen DLC „Outlaws bis zum Schluss“ nach, der 6 Coop.-Missionen zwischen 2 und 4 Spieler mit sich bringt.

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Im wilden Westen nichts Neues?
Kurz gesagt – Nein. Wegen geringer Wild West Open World Konkurrenz wäre es noch untertrieben Red Dead Redemption als das beste Spiel seiner Art zu preisen. Hier haben die Entwickler an den richtigen Stellen ganze Arbeit geleistet. Besonders die lebende Spielwelt laden stets aufs Neue zum Erkunden ein. Charaktere, Dialoge sowie dessen Synchronsprecher liegen ebenfalls wie die Präsentation der Handlung auf gewohnt hohen Rockstar Niveau. Letztere hält den Spieler rund 20 Stunden über das Ende im Unklaren, mindestens doppelt soviel werden es für die motivierenden 100% Spielfortschritt. Grafisch hat der wilde Westen mit diversen Pop-Ups zu kämpfen, das als einer der wenigen wirklichen Kritikpunkte von der ansonsten sehr gut gelungenen Grafik überdeckt wird. Der heimliche Star des Spiels sollte allerdings an die zahlreichen Pferde gehen, die besonders in Sachen Aussehen, Steuerung und Animation beeindrucken können. Dem ansonsten gut durchdachten Multiplayer fehlt es allerdings an Langzeit-Motivation. Red Dead Redemption hebt sich in erster Linie im Offline-Modus von Genre-Konkurrenten ab, die als Bereicherung in so manch Spielesammlung landen wird.

Gutes

atmosphärische offene Spielwelt
überzeugend präsentierte Handlung
sehr gut umgesetzte Pferde-Steuerung
grafisch beeindruckende Himmelseffekte
stark vertretene Fauna und Flora

Schlechtes

regelmässig auftretende Pop-Ups
Multiplayer bietet keine Langzeit-Motivation

8.5 Sehr gut

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