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No More Heroes: Heroes´ Paradise – Review

Artikel von | 27.05.2011 um 00:00 Uhr

Unverhofft kommt oft. Im Falle der sehr späten Portierung des Wii-Hits No More Heroes: Heroes´ Paradise erhalten nun PS3-Spieler nach über drei Jahren Gelegenheit, im eigenwilligen Actiontitel auf die Jagd nach verstecktem Spielspaß und den Top 10 der gefährlichsten Assassinen zu gehen. Eines wurde in der Redaktion schnell klar: Nicht nur Pixel-Gegner werden hier gespalten, sondern auch die Geschmacksnerven. Wir sind auch auf eure Meinung gespannt!

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Assassins Freak

Spielheld Travis Touchdown, wohnhaft im unscheinbaren Kleinstädtchen Santa Destroy ist der wohl größte Otaku seit Menschengedenken, also Nerd und Geek aus Leidenschaft, opfert dementsprechend seine komplette Freizeit ausschließlich Filmen und Videospielen. Seitdem er in Besitz eines echten Laserschwertes ist, hat er noch ein anderes Hobby: tödliche Assassinen herausfordern. An dieser Stelle kommt die so genannte United Assassins Association (UAA) mit der hübschen Sylvia ins Spiel. Vom Ehrgeiz gepackt durch eine Menge Kohle die neuesten Videospiele und Filme kaufen zu können und die heiße Sylvia ins Bett zu kriegen, entschließt er sich, die besten zehn Assassinen herauszufordern um in der Rangliste aufzusteigen. Das ist die Geschichte von No More Heroes, die mit wahnwitzigen Zwischensequenzen, lustigen Dialogen und allerhand abgedrehter Bossgegner aufwartet. Dank eigenwilliger Präsentation in Cel-Shading-Optik sowie überzogener Gewaltdarstellung hat No More Heroes: Heroes Paradise eigentlich beste Voraussetzungen für ein herrlich abgefahrenes Spielvergnügen. Eigentlich…

Spielspaß-Killer

Spielerisch wird No More Heroes: Heroes Paradise dagegen in keiner Top-Ten-Liste erscheinen, was weitaus mehr als zehn Gründe hat. Schon die optional spielbare Einführung offenbart ein mehr als oberflächliches Kampfsystem, welches zwar mit dem Move-Controller Spaß machen kann, aber besonders mit normalen Gamepad viel zu schnell eintönig und langweilig wird – im leichtesten Schwierigkeitsgrad zumindest noch relativ flott, auf dem mittleren allerdings dagegen überaus zäh. Der letzte Schwierigkeitsgrad „bitter“ wird seiner Bezeichnung dann in vollem Umfang gerecht, denn egal für welche Stufe sich der Spieler entscheidet: Dumme, zahlreich vorhandene Standardgegner reagieren erst, wenn man in einer bestimmten Distanz zu diesen steht – vorher regt sich tatsächlich überhaupt nichts. Im Grund genommen läuft es immer so ab: Travis betritt einen Raum, lockt einzelne Gegner an mit dem Distanz-Trick. Erst wenn der Raum nach den ewig gleichen Kombinationen aus Hack & Slay, Treten, Schlagen, Ausweichen, Blocken (funktioniert auf der leichtesten Schwierigkeitsstufe automatisch) und den unausweichlich fast immer gleichen Finishern vollständig gesäubert wurde, geht es weiter – immer wieder unterbrochen von vielen kleinen, nervigen Ladezeiten. Sind die Widersacher benommen und sehen Sterne, setzt Travis zu fatalen Wrestling-Moves an, die er sich selbst durch gekaufte Filme aus der Videothek beigebracht hat. Ab und zu muss das Lichtschwert mit Elektrizität aufgeladen werden, die dazu ablaufende Animation erinnert stark an Masturbation.

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Ein noch größerer Schwachpunkt stellt aber der Open-World-Aspekt dar, angefangen von Anfängerfehlern bis hin zu völlig unverständlichen Spielspaß-Killern. Wo liegt beispielsweise die Motivation alle Schätze oder Bälle einzusammeln, wenn diese sowieso schon auf der Minikarte eingezeichnet sind? Aufsammeln sollte man diese Sachen trotzdem, da ein besoffener Russe im Gegenzug zu abgelieferten Bällen wichtige Eigenschaften freischaltet, etwa eine Sprintfunkion. Gespeichert wird auf der Toilette, wenn es Travis auf seinem bockigen, durch eine schlecht umgesetzte Physik schrecklich steuerbaren Motorrad geschafft hat, in seiner Bude anzukommen. Dass sich das widerspenstige Ding an allen Ecken und Enden verhakt und das Kollisionsverhalten mit Passanten beziehungsweise anderen Fahrzeugen schlichtweg peinlich ist, macht die Fahrten zu einer echten Qual. Neben den noch zahlreichen Attentäter-Missionen hat die kleine Spielwelt nicht viel zu bieten. Umherstehende Müllcontainer beherbergen später im Geschäft verfügbare Klamotten oder auch Münzen, im Labor lässt sich die Waffe aufwerten bzw. gegen ein stärkeres Stück austauschen. Alles andere fällt in die Kategorie anspruchsloser Reaktionstest: Im Fitnesscenter wird mit Hanteln, Kniebeugen und Gewichtheben ein sehr maues Programm geboten. Das Jobcenter schießt aber – fast wie im richtigen Leben – komplett den Vogel ab. Diese dämlichen Teilzeitjobs sind so schlecht, dass sie fast schon wieder gut sind. Für Geld verhaut Travis Bäume um an Kokosnüsse zu kommen, quält sich dank extra schwammiger Steuerung mit einem Rasenmäher herum, gibt Schiffsignale, sammelt Müll auf, betankt Autos, dreht ein Fast-Food-Schild, entfernt Graffitis und verhilft schließlich seiner Schmusekatze zum siegreichen Rennen gegen andere Dachhasen. Unglaublich aber wahr, obendrein ist das Absolvieren dieser Aufgaben auch noch notwendig um an Geld zu kommen. Hat das Konto nämlich die erforderliche Summe erzielt, kann erst der nächste Bosskampf freigeschaltet werden. Das Spiel fährt aber nicht nur die eingangs erwähnten Top Ten der Assassinen auf, sondern bietet auch noch in ein paar Traumsequenzen eine handvoll neuer Widersacher auf, wenn Travis mal wieder auf der Toilette eingeschlafen ist. Witzig: Während eines Nickerchens in der U-Bahn finden wir uns urplötzlich in einem waschechten Horizonzal-Shooter der alten Schule wieder! Die Bossgegner selbst sind der unangefochtene Höhepunkt und nur mit schnellem Reaktionsvermögen sowie Taktik zu gewinnen. Zuviel verraten wird an dieser Stelle auch nichts, denn diese Scharmützel sind einfallsreich inszeniert. Jedoch gilt auch hier wie in so vielen anderen Videospielen: Hat man die Verhaltensmuster des einen durchschaut, weiß man auch wie man den nächsten besiegen kann.

Wi(i)rklich schwache Technik

Grafisch konnte man von einer mehr als drei Jahre alten Wii-Umsetzung nicht viel erwarten, es wurden dementsprechend auch nur rudimentär Details „verbessert“. So wirkt das komplette Geschehen zwar weitaus schärfer und die Sichtweite wurde erhöht, gut sieht das Spiel aber trotzdem noch nicht aus, trotz coolem Style-Faktor dank Cel-Shading und überzogenen Bluteffekten. Insbesondere an den allgegenwärtigen Blutfontänen dürften sich aber selbst Hartgesottene schnell satt gesehen haben. Santa Destroy als frei befahrbare Spielwelt wirkt nicht nur um ein Vielfaches winziger als andere Open-World-Titel, sondern wird seinem Namen auch in keinster Weise gerecht. Bis auf Straßenlaternen oder Hydranten lässt sich hier nämlich überhaupt gar nichts zerstören, letztere geizen sogar mit Wasserfontänen. Dass alle paar Meter mal eines von etwa fünf gefühlten Automodellen vorbeikommt (wahrscheinlich sind es mehr) oder ein spartanisch animierter Passant durch die leer gefegte Gegend schlendert, ist schon das höchste der Gefühle. Ist aber auch egal, denn beide reagieren nur unzureichend auf Aktionen der Spielfigur, was der ohnehin schon aufgesetzt wirkenden Spielwelt noch den letzten Funken Glaubwürdigkeit raubt. Gebäude sind bis auf die im vorigen Kapitel erwähnten Institutionen überhaupt nicht begehbar. Selbst vor den gut gelungenen Bosskämpfen quält man sich durch ewig gleich aussehende Räume, Korridore und Gänge – immer mit dem unguten Gefühl, dass sich das Programm selbst recycelt, sprich Texturtapete an Texturtapete folgt. Tiefpunkt dürfte etwa zur Mitte der Spielzeit eine gefühlt viertelstündige „Jagd“ durch einen grauen, engen Korridor sein. In Wirklichkeit waren es sicherlich nur fünf Minuten, durch die an dieser Stelle dargebotene Einöde und Einfallslosigkeit wird ein Großteil der Spielzeit zum langweiligen Martyrium. Grafische Höhepunkte finden sich lediglich in der Charakterdarstellung von Travis Touchdown sowie seiner Bossgegner, immer wieder poppen auch Symbole im Retrostil auf, was man zuletzt ähnlich in Dot Game Heroes gesehen hat. Texturen, Effekte, Animationen und Schauplätze präsentieren sich insgesamt in einem absolut erbärmlichen Zustand – bedenkt man die Möglichkeiten der Playstation 3. Lange Rede, kurzer Sinn: Santa Destroy gehört trotz coolen Stilmitteln zu den langweiligsten Geisterstädten der Videospielgeschichte. Etwas besser sieht es beim Sound aus: Die Musik wiederholt sich zwar ständig, genauso wie die lahmen Drohgebärden der wenig variantenreichen Widersacher. Auf der Habenseite steht aber die passende englische Sprachausgabe (auf Wunsch mit deutschen Untertiteln), die sich dem Stil gut anpasst und sehr überzogen rüberkommt.

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Fazit in your Face

Nach etwa 12 bis 15 Stunden Spielzeit fällt das Urteil eigentlich relativ leicht, denn viel Positives außer dem lässig präsentierten, durchaus gelungenen Grafikstil in Verbindung mit einem lustigen Antihelden, herrlichen Dialogen und den ordentlichen Bosskämpfen bleibt No More Heroes: Heroes´ Paradise spielerisch sowie technisch nicht viel übrig. Zuviel Unterdurchschnittliches bestimmt weite Strecken des Geschehens. Das Review liest sich dementsprechend auch ziemlich vernichtend, oder? In Wirklichkeit wird No More Heroes: Heroes Paradise die Spielerschaft aber in zwei Lager spalten: Die einen finden es einfach nur abgrundtief schlecht, so wie es ist. Die anderen werden der Meinung sein: „Verdammt, das ist so dermaßen schlecht und bescheuert, dass es schon wieder gut ist.“ – Wollte das Entwicklerstudio wirklich dies erreichen? Wir sind uns ehrlich gesagt nicht sicher, wie man so viele offensichtliche Schikanen und Anti-Spaß-Elemente in einem Videospiel einbauen kann, die offensichtlich überhaupt keinen Spaß machen sollen. Wir sind auf eure Meinung gespannt!

No More Heroes: Heroes‘ Paradise Testbericht

No More Heroes: Heroes‘ Paradise

  • Release: 19.05.2011
  • Genre: 3rd Person Action, Action
  • Entwickler: Feel Plus / Grasshopper Manufacture
  • Publisher: Konami

Gutes

cooler Stil
unkomplizierter Spielablauf
spaßige Zwischensequenzen
sympathischer Antiheld
gute Bosskämpfe
Move-Unterstützung

Schlechtes

sehr schwache Technik
selten dämliche Aufgaben
langweilige Spielwelt
keine deutsche Sprachausgabe
viele Ladezeiten zerstören Spielfluss
Kameraprobleme
viele Reaktionstests
dumme Standardgegner

6.5 / 10 Nicht so gut

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