Menü

Need for Speed: Most Wanted – Review

Artikel von | 06.11.2012 um 00:00 Uhr

Weitläufige Straßen, edle Traumkarossen und krachige Motorensounds: EA und Criterion haben die Racer auf Fairhaven City losgelassen. Need for Speed: Most Wanted bedient sich des Namens eines sehr beliebten, bereits im Jahr 2005 erschienenen Serienablegers. Und dennoch sagt sich der neueste Titel aus dem inzwischen neunzehnteiligen Franchise weitestgehend von seinem ‚Vorgänger‘ los. Ob das dem Spiel gut tut und ob es den guten Namen verdient, klären wir in unserer Review.

Screenshot

Ein Gefühl der Freiheit: Offene Spielwelt, freie Wagenwahl

Dass an diesem Need for Speed irgendetwas anders ist, zeichnet sich bereits in den ersten Spielminuten ab: Wir fahren einen Porsche. Vielleicht ist das nicht ungewöhnlich, aber: Auch nach dem ersten Rennen dürfen wir den Porsche behalten! Wo bleiben die Ford Escorts oder die VW Golfs, die uns normalerweise an dieser Stelle erwarten? Tja, es gibt sie entweder nicht, oder wenn es sie gibt, werden wir nicht gezwungen, sie zu fahren. Need for Speed: Most Wanted stellt von Anfang an schnelle Wagen zur Verfügung, theoretisch alle von ihnen. Versteckt sind sie in der offenen Spielwelt, die ebenfalls bereits ab der ersten Minute komplett freigeschaltet ist.
Fairhaven City ist eine behutsame Mischung aus den Städten, wie man sie beispielsweise aus dem ‚Ur-Most Wanted‘ kennt und den Gebieten außerhalb der Stadt, wie sie zahlreich in Criterions Need for Speed: Hot Pursuit enthalten waren. Die Stadtgebiete überwiegen und bieten unterschiedliche Strecken: In Downtown dürfen wir so richtig aufs Gas treten, denn auch hier gibt es mehrspurige Straßen, auf denen in waghalsigen Manövern Sonntagsfahrer überholt werden dürfen. Aber natürlich führen uns die Rennen dann auch durch Seitenstraßen, in denen starkes Bremsen und gekonntes Driften notwendig ist, um nicht direkt in einer Fassade zu landen. Die Umgebung zeigt sich meistens detailliert und insbesondere durch Wettereffekte und Tag-/Nachtwechsel wird die Stadt schön inszeniert. Teilen wir reihenweise Takedowns aus, während wir am Leuchtturm der Stadt vorbeifahren und auf das offene Meer blicken, genießen wir tatsächlich ein Gefühl der Freiheit. Nicht verleugnen kann die Umgebung jedoch Anleihen aus bisherigen Spielen: Oft sehen wir Umgebungen, die stark an Hot Pursuit erinnern, wie zum Beispiel Hafengebiete oder die Autobahnen, die fast gleich aussehen. Ganz im Gegensatz dazu erkennen wir beinahe keine Elemente aus Rockport City wieder, dem Schauplatz des Original Most Wanted. Wenn schon, kommen einem eher Elemente aus Paradise City bekannt vor, bedingt vor allem durch zahlreiche Sprungschanzen und Reklametafeln.
Es ensteht leider auch der Eindruck, dass die offene Spielwelt nicht so genutzt wird, wie man sie nutzen könnte. Zwar gibt es auch abseits der normalen Rennevents diverse Herausforderungen, zum Beispiel können wir über 60 Radarfallen mit überhöhten Geschwindigkeiten auslösen, gut 120 Wechselstellen finden (an denen die rund 40 Wagen verteilt sind), 154 Werbetafeln zerstören sowie Rekordsprünge ausführen – Letztere beide sind wohl ganz klar Elemente, die ihren Weg aus Burnout in das neueste Need for Speed gefunden haben -, doch beispielsweise ‚Verfolgungsstopper‘, um die Cops aufzuhalten, oder Verstecke, um Verfolgungen schneller zu entkommen, gibt es nicht. Schade, denn auch diese Elemente kannten wir aus dem ersten Most Wanted, und Fairhaven City hätte viele Möglichkeiten geboten, diese auch in das neueste Spiel einzubauen.

Screenshot

Rasante Events und das Vorankommen auf der Most Wanted Liste

Auch wenn es um die Events geht, bricht Need for Speed: Most Wanted mit den Traditionen: Mit jedem der rund 40 Wagen absolvieren wir einzeln jeweils fünf Events, um alle ‚Modifikationen‘ freizuschalten. Hierbei handelt es sich beispielsweise um ein ‚kurzes‘ oder ‚langes‘ Getriebe, das schnellere Beschleunigung bzw. höhere Gesamtgeschwindigkeit ermöglicht oder verschiedene Reifen, um entweder auf der Straße oder im Gelände besser voranzukommen. Auch wenn insbesondere optisches Tuning, wie es sich die meisten Fans wieder gewünscht hätten, also fehlt, gibt es dennoch zahlreiche Möglichkeiten, den Wagen nach den eigenen Wünschen anzupassen. So könnt ihr beispielsweise in den Rennen auch auf ein ‚Aero-Chassis‘ wechseln, um schneller voranzukommen, habt ihr jedoch mit Angriffen der Polizei zu rechnen, könnt ihr auf ein stoßsicheres Chassis wechseln. Das funktioniert jederzeit während der Rennen mithilfe des ‚Easy-Drive‘ Systems: Über das Steuerkreuz navigiert ihr durch verschiedene Menüs, könnt den Wagen anpassen oder das nächste Rennen auswählen. Auf Menüs im traditionellen Sinne verzichtet Need for Speed Most Wanted auch komplett. Insgesamt ist Easy Drive wirklich gut gelungen, auch wenn man unter Gefahr fährt, während des Benutzens einen Unfall zu bauen, immerhin ist der Daumen dann am Steuerkreuz und nicht am Analog Stick, der für die Steuerung des Wagens benötigt wird.
Stürzt man sich dann in die rasanten Events, fällt auf, dass man sich auch hier etwas mehr Vielfalt hätte wünschen können: Größtenteils absolvieren wir Rundkurs- oder Sprintrennen, ansonsten gibt es für Einzelspieler noch Events, bei der man eine bestimmte Durchschnittsgeschwindigkeit halten muss, um am Ende die entsprechende Belohnung zu kassieren. Die vierte Variante bezieht sich nur darauf, der Polizei zu entkommen – was man meistens nach den Rennen sowieso noch machen muss. Das ist schon alles, was man als Solist erwarten kann. Leider wirkt so der gesamte Einzelspielermodus eher lieblos: Zwar werden insbesondere die Events, in denen wir gegen die Most Wanted Wagen antreten, mit hübschen Sequenzen eingeleitet, doch das war es dann auch schon. Ansonsten absolviert man ein Rennen nach dem anderen und kommt praktisch automatisch auf der Most Wanted Liste voran: Bis man alle Computergegner besiegt hat, vergehen auch nur rund acht bis zehn Stunden. Wir haben uns während des Spielens wirklich gefragt, ob nicht eine kleine Rahmenhandlung dem Spiel hier weitergeholfen hätte. Klar, die Geschichten in den Vorgängern waren nie besonders komplex oder hochwertig, aber sie erweckten zumindest den Eindruck, dass das Erklimmen des ‚Most Wanted Throns‘ einen Sinn hat. Übrigens zeichnet sich auch das neueste Need for Speed durch eine extreme Gummiband-KI aus, sodass sich Takedowns, die ihr an die computergesteuerten Fahrer austeilt, kaum auswirken – ruckzuck habt ihr sie wieder direkt hinter euch. Oder sie ziehen direkt an euch vorbei.
Spannend wird’s dennoch dann, wenn ihr viele PSN-Freunde habt, die Need for Speed: Most Wanted auch spielen. Dann dürft ihr euch nämlich darauf freuen, dass jeder von ihnen auch in eurer Most Wanted Liste erscheint. Um dann tatsächlich erster zu werden, müsst ihr mehr Speed Points als sie erreichen. Realisiert wird das über Autolog 2.0, das dieses Mal wirklich alles aufzeichnet, was ihr so treibt. Jedes Rennen, jede Verfolgung und jeder Sprung wird mitgeloggt und bringt euch Punkte – so kommt ihr voran. An den zahlreichen Stellen, die für waghalsige Sprünge vorgesehen sind, stehen Plakate, die den derzeitigen Rekordhalter anzeigen, inklusive seines Avatars – ist euer bester Kumpel also besser als ihr, begegnet ihr an entsprechender Stelle seinem Portrait in Fairhaven City.

Screenshot

Der Multiplayermodus: Schnell, chaotisch, gnadenlos!

Es dauert nicht sehr lange, bis es einen in Need for Speed: Most Wanted in den Mehrspielermodus zieht, denn der Modus für Singleplayer krankt offenkundig etwas an der Lieblosigkeit und der mangelnden Abwechslung. Anders sieht’s dann schon online aus. Auch hier wirft Criterions Rennspiel Traditionen über den Haufen, denn eine Lobby im traditionellen Sinne gibt’s nicht. Auch hier seid ihr sofort mit eurem Wagen in Fairhaven City unterwegs, das heißt ihr habt jederzeit die Möglichkeit, Takedowns auszuteilen oder weitere Rekorde zu schlagen. Für alles gibt’s Punkte, am Ende kann man auch als Sieger der Speedlist hervorgehen, ohne eines der Events gewonnen zu haben, indem man mehr sonstige Punkte gesammelt hat.
Online entfaltet das Spiel dann auch die Vielfalt an Events, die man im Einzelspieler noch vermisst hat, endlich wird auch die Spielwelt besser genutzt. Mal müsst ihr den längsten Drift erreichen, dann wieder den spektakulärsten Sprung. Für Spaß, aber auch einiges Fluchen sorgen die Veranstaltungen, in denen es gilt, Beinahe-Unfälle zu erreichen. Man darf also nicht crashen, muss aber doch möglichst schnell an seinen Widersachern vorbeifahren, damit ein Beinahe-Unfall aufgezeichnet wird. Das sorgt für zahlreiche brenzlige Situationen und für genauso viele Unfälle, denn bei derart hohen Geschwindigkeiten und engen Strecken kann man nicht immer rechtzeitig ausweichen.
Zwischenzeitlich gibt es im Mehrspielermodus dann immer wieder neue Treffpunkte, zu denen ihr schnellstmöglich fahren müsst: Der Erste am Ziel bekommt natürlich Bonus-Speedpoints. Dann beginnt das nächste Event. Mit an Bord sind auch Teamrennen. Spielerisch unterscheiden sie sich nicht sehr von den normalen Rennen, aber hier gibt es besonders viele Punkte, wenn ihr die Racer aus dem gegnerischen Team ausschaltet – eure Teammitglieder solltet ihr dagegen so ins Ziel rasen lassen. Für den Teamsieg gibt’s dann nochmal extra Punkte.
Im Onlinemodus entfaltet Need for Speed: Most Wanted einfach seine ganze Pracht, es ist wahnsinnig schnell, wunderbar chaotisch und an vielen Stellen gnadenlos. Da rast einem einer der Gegner mit 250 km/h ins Heck – Takedown kassiert. Im nächsten Moment müsst ihr aber vielleicht mit ihm zusammenarbeiten, da ihr beim Teamrennen im gleichen Team seid. Immer wieder wird man auch zum Wechseln des Wagens gezwungen, denn bestimmte Veranstaltungen lassen sich nur mit SUVs, andere wiederum nur mit „Alltagswagen“ erledigen. Natürlich schaltet ihr hier auch wieder Modifikationen und nach und nach weitere Boliden frei. Nur ein Lieblingsauto kann man nur bedingt wählen. Das ist aber auch nicht so schlimm, denn die verschiedenen Wagenklassen steuern sich entgegen der Versprechungen sehr ähnlich. Auch das bekannte Driften aus Need for Speed Hot Pursuit ist wieder dabei – Kurz die Bremse angetippt, schon geht’s gekonnt um die Kurve… Oder in die nächste Mauer.

Screenshot

Schnell & schön | Krachige Motoren, wortkarge Polizisten

Technisch zeigt sich Need for Speed: Most Wanted von seiner guten Seite, das Geschwindigkeitsgefühl ist atemberaubend, die Umgebung detailliert, und bei höchstem Speed läuft es größtenteils ruckelfrei. An einigen Stellen gibt es kurze Slowdowns, aber diese fallen kaum ins Gewicht. Störender sind Pop-Ups, die immer wieder in der Umgebung auftauchen. Mal ploppt nur ein einzelner Baum, dann aber wieder eine ganze Häuserreihe kurz vor uns ins Bild. Zwar hat man bei den unglaublichen Geschwindigkeiten häufig ohnehin keine Zeit, auf die Umgebung zu achten, aber teilweise ist es doch auffällig, wenn einzelne Elemente noch nachgeladen werden. Über diesen kleinen Makel kann man jedoch insbesondere aufgrund der sehr gelungenen Lichteffekte auch leicht hinwegsehen.
Nicht ganz so rosig sieht es dieses Mal leider beim Sound aus. Die Wagen können zwar wieder mit krachigen Motorengeräuschen überzeugen, wie wir sie bereits aus den Vorgängern kennen, doch die ausgesuchten Songs und Polizeisprüche wiederholen sich leider zu schnell und zu oft. Alle Songs gehen flott ins Ohr und keiner fällt negativ heraus, doch es ist schon auffällig, wenn man während einer Spielsitzung einzelne Stücke schon doppelt oder dreifach hört. Der Polizeifunk wird zudem häufig mitten im Satz unterbrochen oder wiederholt einen Satz gleich mehrere Male – schade, das hat man schon besser gesehen. Insgesamt scheint die Polizei dieses Mal aber auch wieder in den Hintergründ gerückt zu sein, denn auch Hubschrauber und EMP wurden wieder aus dem Spiel entfernt, die Cops begnügen sich mit Straßensperren und Nagelbändern, wobei Letztere aufgrund der verfügbaren „Reifenreparatur-Modifikation“ kaum ein Problem darstellen.
Erneut wunderbar gelungen sind natürlich die Wagenmodelle, die detailliert und mit gutem Schadensmodell daherkommen. Leider gibt’s nur zwei Kameraansichten, auf eine Motorhaubenansicht oder die Cockpitperspektive muss man hier verzichten. Im Straßenverkehr tummelt sich dieses Mal eine Mischung aus echten Modellen und detailarmen Fahrzeugen, wie man sie aus älteren Rennspielen kennt, was wohl der Performance geschuldet ist. Insgesamt gibt’s grafisch aber also kaum etwas anzukreiden.

 

Wir haben uns mit dem Marussia B2 der Nummer 1 der Most Wanted Liste gestellt!Fazit

Need for Speed: Most Wanted stand unter hohen Erwartungen, immerhin haben die Jungs von Criterion schon einmal mit Hot Pursuit bewiesen, dass sie der Marke wieder zu Glanz verhelfen konnten. Teilweise kann der Titel diese Erwartungen erfüllen, trotz oder gerade weil er mit vielen Traditionen der Reihe bricht. Einen Rückschritt erfährt das Franchise dabei jedoch im Einzelspielermodus, der sehr lieblos wirkt, obwohl es Einiges zu tun gibt: Bis man mit jedem Wagen alle Modifikationen freigeschaltet hat und alle zusätzlichen Herausforderungen erledigt hat, vergehen zahlreiche Stunden. Umso ärgerlicher, dass man bereits nach etwa acht Stunden König seiner lokalen Most Wanted Liste ist. Zum Glück gibt’s den Online-Multiplayer, der für viel Spaß und neue Abwechslung sorgt. Wer mit Rennspielen etwas anfangen kann, sollte hier einmal einen Blick riskieren, nur das Chaos solltet ihr lieben, denn davon gibt es reichlich. Wahrscheinlich dauert es keine Minute, bis ihr den ersten Takedown kassiert, der euren Wagen zu Brei verarbeitet. Doch keine Angst: Auch ihr habt die Chance, zum Most Wanted zu werden!

Need for Speed: Most Wanted Testbericht

Need for Speed: Most Wanted

  • Release: 31.10.2012
  • Genre: Rennspiel
  • Entwickler: Criterion Games
  • Publisher: EA Games

Gutes

+ Hervorragender und abwechslungsreicher Mehrspielermodus
+ Gelungene und detaillierte Spielwelt, in der es viel zu erledigen gibt
+ Bombastisches Geschwindigkeitsgefühl
+ Gute Wagenauswahl

Schlechtes

- Liebloser Einzelspielermodus
- Schnelle und häufige Wiederholungen beim Sound und den Polizeisprüchen
- Extreme Gummiband-KI
- Hin und wieder Pop-Ups in der Umgebung

8.0 / 10 Sehr gut

Deine Meinung? Let's Chat!

Jetzt einloggen oder registrieren um ein Kommentar zu schreiben

Anmelden