Heavy Rain – Review

Getestet von | 02.03.2010 um 00:00 Uhr

Weshalb verbringen wir eigentlich so viel Zeit mit der Playstation? Weshalb verbringen wir unsere Zeit nicht sinnvoller? Die Antwort scheint so einfach: Videospiele machen Spaß! Deshalb ist der Langzeitspielspaß bei jeder Review ein mit in die Wertung einfließender Faktor. Was machen wir aber, wenn ein Spiel keinen Spaß machen soll? Was ist, wenn es vielleicht nicht einmal ein Spiel sein soll? Heavy Rain stellt uns bei der Bewertung vor fast philosophische Probleme. David Cage von Quantic Dream ordnet sein neuestes Werk in ein neues Genre als „interaktives Drama“ ein. Er erklärt außerdem, dass Heavy Rain keinen Spaß machen soll und dass hier kein High Score den Maßstab bildet sondern einfach nur der Weg das Ziel ist. Leicht verwirrt von allen Äußerungen und Gerüchten, die es zusätzlich im Vorfeld zu Heavy Rain gab, haben wir uns voller Erwartung in dieses nasse Abenteuer gestürzt. Die Frage, ob man Heavy Rain an den Maßstäben der Spiele messen kann, sollte jeder für sich selbst beantworten. Wir geben euch hier lediglich einen kleinen Einblick in dieses „neue Genre“.

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Es ist ein Spiel, Es ist ein Film… Nein, Es ist beides!

Wir wachen auf in einem sonnendurchfluteten Schlafzimmer. Unser Charakter räkelt sich aus dem Bett, schleppt sich ins Bad, um sein Wasser abzulassen und nach dem morgentlichen Zähne-Putzen geht es unter die Dusche bevor der feine Zwirn aus dem Schrank geholt wird. All diese Aktionen werden über ein völlig neues Steuerungskonzept eigenhändig in bester Sims-Manier ausgeführt. Nach einer Tasse Kaffee geht der frisch rasierte Ethan Mars ans Zeichenbrett im nobel eingerichteten Büro seiner Vorstadtvilla, um seine Brötchen als Architekt zu verdienen. Er freut sich auf die Heimkehr seiner Familie, denn einer seiner Söhne hat heute Geburtstag und das muss gefeiert werden. Endlich kommen die Lieben nach Hause. Die verliebten Eltern fallen sich in die Arme und im Anschluß daran spielt Papa mit seinen Söhnen im Garten während die Mutter das Essen vorbereitet. Sämtliche Aktionen werden mit viel Fingerspitzengefühl an den Analogsticks ausgeführt und gelegentlich auftretende Quicktime Events bringen sogar etwas Action in die heile Welt. Man könnte fast sagen, dass Heavy Rain bis hierhin sogar Spaß macht. Aber innerhalb von Sekunden ändert sich alles. Die glückliche Familie ist zerrissen, die Sonne verschwindet und es fängt an zu regnen. Ethan Mars ist nur einer der vier Charaktere, in deren Rolle wir während der Jagd auf den Origami-Killer schlüpfen. Abwechselnd durchleben wir die Geschichten von Scott Shelby, einem Privatdetektiv der alten Schule, Norman Jayden, einem drogensüchtigen FBI-Profiler und nicht zuletzt Madison Paige, einer von Schlaflosigkeit und Albträumen gezeichneten Fotografin. Diese vier unterschiedlichen Charaktere haben alle ihre eigenen Probleme. Sie haben aber auch alle das gleiche Ziel. Sie wollen den Origami-Killer zur Strecke bringen, der seit Jahren im Herbst die Stadt terrorisiert. Was steckt hinter dem Serienmörder, der ausschließlich Jungen im frühen Teenager-Alter entführt und sie nach vier Tagen ermordet und mit einer Origami-Figur und einer Orchidee an den Bahngleisen zurück lässt? Die Antwort lest ihr hier nicht mehr. Wer allerdings jetzt schon auf die Barrikaden geht und wüste Beschimpfungen in unsere Richtung wirft, weil wir hier übel am Spoilern sind, den möchten wir beruhigen. Das Erzählte ist gerade mal der Anfang eines genialen Thrillers, der uns bis zum Schluß gefesselt hat. Die Geschichte ist neben Sex, Drogen und Alkohol durchzogen von unangenehmen Entscheidungen, die der Spieler zu treffen hat. Dass das Spiel die Freigabe ab 16 erhalten hat, dürfte alleine darauf zurückzuführen sein, dass all die Grausamkeiten, die wir durch die Charaktere erleben nicht ohne Grund passieren. Heavy Rain geht durch Mark und Bein und das nicht nur beim ersten Durchspielen.

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Das Thema Steuerung

Zu einem neuen Genre gehört ein neues Steuerungskonzept. Quantic Dream versucht hier den Spieler mit unzähligen Interaktionsmöglichkeiten auf die Spur des Killers zu führen. Es beginnt mit einem genaueren Blick auf ein Bild, das irgendwo arglos im Raum steht und geht hin bis zum interaktiven ARI-System, dessen sich der FBI-Profiler Jayden bedient. Alles könnte den entscheidenden Hinweis liefern. Die anfänglich erwähnte Ähnlichkeit zu den Sims besteht nur zu Beginn der Geschichte. Dem Spieler soll mit Aktionen der Körperhygiene, Lebensmittelzufuhr und dem vorbildlichen Anschnallen im Auto das innovative Bedienkonzept nähergebracht werden. Im Laufe der Geschichte nehmen solch nutzlose Handlungen zugunsten echter Ermittlungsarbeit ab. Die größte Aufmerksamkeit liegt bei Heavy Rain auf den Analogsticks. Durch halbe Kreise, auf und ab und links und rechts werden Türen geöffnet, Lichtschalter bedient, Autos gestartet und viele andere Tätigkeiten ausgeführt, denen in anderen Spielen kaum Aufmerksamkeit zuteil wird. Die Bewegungssensoren sorgen bei Schütteln, Reissen und Schmeissen des Controllers für den Nötigen Schaukelschwung oder einen Kinnhaken im richtigen Moment. Zu Beginn ist es noch der Spieltrieb, der diese Art der Bedienung interessant erscheinen lässt. Mit fortschreitender Dauer bekommt man aber mehr das Gefühl, vorgefertigte Aktionen nur um ihrer selbst Willen ausführen zu müssen. So einfallsreich dieses Konzept auch sein mag und so schnell es auch verinnerlicht ist. Ein paar weniger überflüssige Aktionen wie dem Wickeln von Verbänden oder dem mühseligen Entfernen sämtlicher Fingerabdrücke hätten dem Spielfluss vielleicht etwas mehr Würze gegeben. Ein anderes Ärgernis sind Kameraführung und die Laufwege der Akteure. Richtig flüssig lassen sich unsere Ermittler nicht durch die frei begehbaren Gelände manövrieren. Da auf eine freie Kamera am rechten Analogstick zugunsten der Steuerung verzichtet werden musste, ist die Orientierung auch nicht sehr komfortabel. Gelegentlich ist das richtige Ausrichten des Charakters aufwändiger als die sich daran anschließende Aktion. Schade, diese nervige Seite der Steuerung passt so gar nicht zum sonst genialen technischen Eindruck des Spiels. Die altbackenen Quicktime-Events, die während einiger Spielchen und vieler Kämpfe über Sieg oder Niederlage entscheiden wirken angesichts des sonst eher langsam vorangehenden Ablaufs als echte Auflockerung und fügen sich gut ein. Teilweise sind die Sequenzen aber unnötig lang. Wir wollen Quantic Dream loben für den mutigen Weg, den sie mit dieser Steuerung beschreiten. Das Konzept wirkt aber noch nicht ausgereift und der eine oder andere Spieler wird von der ständigen Nötigung, die Tasten in vorgefertigter Reihenfolge drücken zu müssen, wohl schnell genervt sein. Wir wollen aber nicht vergessen, dass Heavy Rain kein Action-Game ist und irgendwas muss man ja machen. Für die Zukunft wünschen wir uns aber etwas mehr Feintuning.

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Grafische Meisterleistung

Die technische Seite von Heavy Rain überzeugt uns mehr als die Steuerung. Die Grafik ist von einem Kinofilm kaum noch zu unterscheiden. Besonders die Gesichter der Charaktere sind „better than reality“. Es ist jede Pore zu sehen und jede Träne ist knackscharf zu erkennen. Die Erinnerung an die legendäre Duschszene bei Tomb Raider verblasst im Angesicht der Neuauflage durch Madison Paige. An dieser Stelle weisen wir nochmals darauf hin, dass Heavy Rain nicht in Kinderhände gehört! Dass der Animation des Regens ebenfalls besondere Aufmerksamkeit gewidmet wurde, versteht sich von selbst. Die Mimik der Charaktere verdient ein Extralob. Man kann ihre Empfindungen praktisch aus den Gesichtern lesen. In keinem anderen Spiel sind die Gefühle so genial auf die Leinwand gebracht worden. Da werden Worte beinahe überflüssig. Die Texturen sind an allen Schauplätzen sehr liebevoll gestaltet und es drängt sich zu keiner Zeit der Eindruck auf, dass die Entwickler sich an bestimmten Stellen nicht so viel Mühe gegeben haben. Lediglich die etwas starren Bewegungen der Hauptdarsteller führen uns vor Augen, dass das hier keine Echtzeitaufnahmen sind. Die gelegentliche Anwendung von gleichzeitigen Sequenzen im Splitscreen sind aus Serien wie 24 bereits bekannt und treiben auch bei Heavy Rain den Spannungsbogen in die Höhe. Untermalt wird die düstere Geschichte vom Sound. Die Musik spiegelt die Stimmung jederzeit exakt wieder und zieht in Actionszene ordentlich an. Heavy Rain punktet nicht durch brachialen Effektsound, der durch ein fünfzig-köpfiges Orchester ergänzt wird. Heavy Rain punktet durch glasklare Synchronisation, Effekte und musikalische Untermalung. Das ständige Prasseln der Regentropfen im Zusammenspiel mit der düsteren Witterung lässt beim Spieler die Nackenhaare in die Höhe schnellen. Die Atmosphäre ist fesselnd und selbst die banalsten Aufträge werden durch die technische Untermalung exzellent in Szene gesetzt.

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Und es macht doch Spaß!

Heavy Rain hat uns ein paar düstere Stunden verschafft und eine Geschichte erzählt, die sich nicht nur auf einen Serienmörder beschränkt. Heavy Rain vermittelt Angst. Die Angst, ein geliebtes Familienmitglied zu verlieren. Die Angst, im Leben allein zu sein. Die Angst vor Drogenproblemen und sogar die Angst vor dem Alter sind hier nicht nur Beiwerk zur Geschichte um den geheimnisvollen Origami-Killer. Die Story ist deshalb so lebensnah und depremierend, weil sie von Emotionen gespickt ist, die wir alle fürchten. Diese Emotionen lassen den Spieler in nie dagewesener Weise in die Geschichte eintauchen und sich völlig davon fesseln. Den Spaß empfindet man nicht während des Spiels. Den Spaß empfindet man erst, wenn man den Controller wieder aus der Hand legt und sich darüber freut, wie schön das eigene Leben doch ist. Und dieses Gefühl ist tatsächlich mehr wert als irgendein dämlicher High Score. Die technischen Mängel berücksichtigen wir in unserer Wertung und es wäre wünschenswert, dass bei Folgetiteln Abhilfe geschaffen wird. Den Hype-Faktor versuchen wir aus der Wertung rauszunehmen. Wir dürfen aber nicht unberücksichtigt lassen, dass dieser Hype dahingehend berechtigt ist, dass hier wirklich ein völig neues Genre geschaffen wurde. Heavy Rain lässt niemanden kalt und allein, um dieses Jahr mitreden zu können, sollte sich jeder Erwachsene dieses Erlebnis einmal antun.

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Nachtrag zur Review: Im Internet kursieren inzwischen Meldungen über Ruckler, Soundaussetzer und sogar komplette Systemabstürze während des Spielverlaufs. Uns ist beim Spielen nichts davon aufgefallen. Wir erwähnen es hier nur vorsichtshalber! Weitere Infos zu eventuellen technischen Problemen von Heavy Rain findet ihr im Forum.

Gutes

Packende Geschichte
Fesselnde Atmosphäre
Geniale Gesichtsmimik

Schlechtes

Teilweise nervige Kameraführung
Steuerung schnell nervtötend
Quicktime Events teilweise zu lang

8.5 Sehr gut

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