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Hard Corps: Uprising – Review

Artikel von | 05.04.2011 um 00:00 Uhr

Früher war nicht unbedingt alles besser, aber insbesondere Contra: Hard Corps aus dem Jahr 1994 – hierzulande als Mega Probotector auf Sega Megadrive bekannt – gehört wohl zweifelsfrei zu den legendärsten Titeln. Doch irgendwann fand die ruhmreiche Serie ein jähes Ende, gefolgt von einer längeren Durststrecke. Dass das einst unverwüstliche Genre noch lange nicht tot ist, beweist seit März 2011 das Entwicklerstudio Arc System Works mit dem veröffentlichten PSN-Titel Hard Corps: Uprising. Herausgekommen ist ein Contra unter neuer Flagge inklusive vieler alten Tugenden, neuem Grafikstil sowie motivierendem Rising-Modus.

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Contrastischer Spielablauf

In Hard Corps: Uprising überwiegt das Contra – was sich nach dem ersten Lesen dieser Zeilen wie ein Schock liest, ist alles andere als negativ gemeint. Vielmehr ist das neue Download-exklusive Shoot-em-up eine Vorgeschichte zum Klassiker Contra: Hard Corps. Doch damit nicht genug, sogar bekannte Charaktere von damals haben es sogar ins Jahr 2011 geschafft: Hauptspielfigur Bahamut, anführender Elitesoldat der Anti-Imperial-Union-Tribe-Truppen und Überläufer des schurkischen Commonwealth-Imperiums. Ebenfalls mit von der Ballerorgie, wenn auch nur als Randfigur, ist Dr. Geo Mandrake. Die zweite von Anfang an spielbare Figur ist eine geschickte Kämpferin namens Krystal. Weitere spielbare Figuren gibt es per kostenpflichtigen Download-Content, aber ob das bei einem einem Downloadspiel unbedingt nötig ist? Es handelt sich um Harley Daniels und Leviathan, die sich in ihrer Spielweise nicht besonders abheben. Mit der mysteriösen Sayuri verhält es sich da schon anders, martialische Schwertkunst sei Dank.

Etwaige vorhandene Charaktertiefe sowie Story-Verlauf werden nach dem eindrucksvollen Anime-Intro nur noch oberflächlich zwischen den acht einzelnen Levels auf schmucklosen Texttafeln oder Charakterinformationen im Hauptmenü eingeblendet. Leider schafft es nur noch die Endsequenz so etwas wie eine zeitgemäße Handlungspräsentation hinzubekommen, ansonsten sind Zwischensequenzen oder interessante Dialoge einfach nicht vorhanden. Letztere hätte man zumindest vor den imposanten Bosskämpfen einfügen können und sei es wirklich nur, um zu erfahren, warum man sich denn jetzt mit gerade diesem Plagegeist herumschlagen muss. Warum hier gerade was passiert bleibt viel zu oft im Dunkeln, dient als Mittel zum Zweck, um das gelungene Gameplay-Gerüst mit einer schnell gebundenen Schleife einzuschnüren. Dabei drängt sich der im Jahr 2613 nachlesbare Hauptplot doch für interessante Abwechslung vom Einheitsbrei gerade zu auf. Stattdessen bleibt dieses durchaus zu erwartetende Feature der Level-Vielfalt vorbehalten: Der Weg zum Commonwealth-Imperator Tiberius führt u.a. durch sandige Wüstendünen, sumpfige Dschungel, verfallene Ruinen, über eine nicht fertig gestellte Autobahn in das Labor und schließlich in das Hauptquartier des personifizierten Bösen.

Übung macht den S-Rank

Glücklicherweise wiegt das Story-Manko gerade bei Download-Titeln nicht so schwer und es war eigentlich schon immer so, dass das Spielgefühl alles wieder rausgerissen hat. Und jetzt dreht Hard Corps: Uprising so richtig auf und wischt selbst mit weitaus teureren produzierten Actiontiteln den Fußboden auf, ohne auch nur ein störendes Staubkorn übrig zu lassen. Ähnlich rasant geht es zum aktuellen Zeitpunkt höchstens noch in Vanquish ab, der ähnliche Spielmechaniken jedoch in der 3rd-Person-Ansicht abliefert. Direkte Download-Konkurrenten wie Matt Hazard: Blood Bath and Beyond und Bionic Commando: Rearmed wirken im direkten Vergleich fast schon stiefmütterlich einschläfernd.

Neben dem traditionellen, bockschweren Arcade-Modus mit vorgegebenen Fähigkeiten bietet der Rising-Modus sowohl für Neulinge eine Grundlage als auch für Fortgeschrittene genügend zusätzliche Motivation zum Durchspielen, Rollenspiel-Elementen sei Dank. Nach erfolgreichem Absolvieren eines Levels ist im Gegensatz zum Arcade-Pendant der Fortschritt abgespeichert und etwa 40 Fähigkeiten wollten mit verdienten Corps Punkten (CP) aufgerüstet werden. Diese erhält man durch erledigte Gegner und gesammelte Objekte. Das abwechslungsreiche Waffenarsenal für zwei verfügbare Waffenslots besteht aus Standard-Knarre, Maschinengewehr, Flammenwerfer, Minikanone, Kettenlaser, Wellen- sowie Streuschuss. Der Blick sollte ohnehin öfters gen Himmel gerichtet sein: Hier fliegen Waffen oder Power-Ups in Kapseln über der Spielfigur hinweg und müssen zielgenau abgeschossen werden. Munitionsknappheit kommt nie auf, weswegen der Finger sorglos auf der Feuertaste verharren darf. Egal, ob ein Level geschafft wird oder nicht, die Punkte gehen nicht verloren, was die Frustgefahr hier etwas zurückschraubt. Apropos Frustgefahr: Die ist allgegenwärtig, vor allen Dingen wegen unmöglichen Rücksetzpunkten. Aber auch die Missionen selber bieten allerhand Schikanen: Treibsand, Krokodile mit zuschnappenden Mäulern müssen als Sprunghilfe genutzt werden, an Decken fahrende Autos, letztendlich noch gut verschanzte Scharfschützen, von denen der Spieler oft nur das rote Fadenkreuz erkennt – um nur eine Handvoll Beispiele zu nennen.

Einsteiger planen allerdings schon für die ersten Abschnitte ihre zwei Stunden ein, weil Hard Corps: Uprising auf eine seit jeher genreprägende Eigenart setzt. Wer jeden Schritt nicht im Schlaf beherrscht, sprich auswendig lernt und vorausschauend spielt, jeden auftauchenden Gegner und jede Hürde kennt, kommt nicht weit. Lässt man sich darauf ein, rennt man später unaufhaltsam durch die Level als ob die Widersacher lediglich Pappkameraden seien, bewältigt die Sisyphus-Aufgaben mit alles vernichtenden Speed-Runs innerhalb weniger Minuten. Triumphale, fast schon emotionale Erfolgsgefühle entschädigen für diese altertümliche Spielweise. Den heißbegehrten S-Rank schaffen aber nur absolute Perfektionisten.

Nahe der Perfektion offenbaren sich die zahlreichen, gigantischen Bosskämpfe, über die an dieser Stelle nicht zu viel verraten sei. Nur so viel: Durch genaue Beobachtung von Bewegungs- und Schussmustern, einer daraus resultierenden Taktik, etwas Glück und blitzschnellen Reaktionen sind diese trotz hoher Schwierigkeit immer schaffbar. Selbst während des etwas laschen Mittelteils sind diese in mehrere Phasen aufgeteilten Duelle das absolute Highlight. Viel Kontrastprogramm zum Dauerfeuer ist nicht vorhanden, höchstens einmal, wenn sich ein herumstehender Karton wie einst in Metal Gear Solid als Tarnobjekt nützlich erweist oder Dr. Mandrake unfallfrei zum Helikopter eskortiert werden möchte.

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Leichte Steuerung, hart genutzt

Doch was nutzt die rasanteste Spielmechanik, wenn Bedienungsmängel den Spielspaß in Stücke reißen? Besonders hier, wo es sehr auf Griffigkeit, Zielgenauigkeit, punktgenaue Manöver und ausgeprägtes Reflexvermögen ankommt. Auch hier hält Hard Corps: Uprising sein hohes Qualitätsniveau, denn so locker-leicht die Aktionen hier auf das Gamepad übertragen werden, ist absolut vorbildlich. Wunschgemäß ist diese sogar noch frei konfigurierbar, doch schon auf der Standard-Belegung funktionieren Ausweichmanöver, Sprünge, Doppelsprünge, sogar Dreifachsprünge, Ducken, Sprinten, an Wänden hochlaufen oder Decken hangeln, die Ballereien nicht zu vergessen, nahezu perfekt. Selbst von Gegnern bereits abgefeuerte Salven oder Raketen lassen sich noch per Konterschuss abwehren. Fast keine Schussrichtung ist vor der schieren Waffengewalt des Helden sicher. Dass die Betonung hier deutlich auf „fast“ liegt, hängt mit einem kleinen Makel zusammen: Nach unten schießen – das will nicht so richtig funktionieren – lediglich an wenigen bestimmten Stellen im Spiel klappt es dann plötzlich tadellos. Auch etwas ungewohnt für heutige Verhältnisse stellt eine längst vergessen geglaubte Eigenart des Bildausschnitts dar. Früher war es nämlich technisch einfach nicht realisierbar (beispielsweise auch bei den ersten Super-Mario-Spielen), wieder zurück in die linke Richtung zu gehen. Es geht immer nur seitlich nach rechts und nur soweit nach links wie auf dem Bildschirmabschnitt sichtbar – eine in der heutigen Zeit nur noch schwer nachvollziehbare Design-Entscheidung.

Rasanter Sound

Wer bereits andere Spiele von Arc System Works wie BlazBlue oder Guilty Gear kennt, wird beim gewohnt rasanten, treibenden Ohrenschmaus von Daisuke Ishiwatari aufhorchen. Jedenfalls passt diese harte Untermalung perfekt zum kompromisslosen Action-Spielablauf ohne echte Verschnaufpausen. Großer Pluspunkt dabei ist der hierdurch hervorgehobene Spiel-Rhythmus, dem man praktisch seine Spielweise anpassen sollte. Es macht einfach Spaß, sich wie verrückt durch die Abschnitte zu ballern, während man von der Musik getragen wird. Die fehlende deutsche Sprachausgabe ist verschmerzbar, da ganz genretypisch keine längeren Dialoge geführt werden sondern ohnehin nur markante Sprüche und die immer gleichen Hilfe- oder Sterbensschreiben abgespielt werden. Die Soundeffekte abseits der mitreißenden Waffengeräusche reißen zwar niemanden vom Hocker, fügen sich dafür etwas überraschend dezenter ins Spiel ein.

Anime contra Tradition

Grafisch dürfte Hard Corps: Uprising die Spielerschaft in zwei Lager spalten: Während Contra-Veteranen den dreckig-düsteren Oldschool-Look schmerzlich vermissen, erfreuen sich alle anderen an der hübsch anzusehenden, toll animierten Knallbunt-Anime-Optik. Diese kennt man in diesem ansprechenden Anime-Stil aus dem aktuellen Vorzeigetitel des japanischen Studios, nämlich BlazBlue. Unstrittig ist dabei die angenehm konstante Framerate, obwohl der Bildschirm eigentlich immer ausgefüllt ist von schneller Action, Explosionen und allen nur möglichen Gegnerarten. Texturen sowie Hintergründe hätten zwar hier und da einige Detailschüsse mehr vertragen können, dafür heben sich Widersacher bis auf die gewollt im Dickicht versteckten Scharfschützen oder gefährliche Pflanzenarten angenehm in dieser 2,5D-Ansicht heraus. Selbst Umgebungsobjekte müssen sich der Feuerkraft geschlagen geben. Was bei Kisten, explosiven Fässern und Barrikaden fein anzusehen ist, wirkt lediglich bei plötzlich verschwindenden Blätterbüschen im Dschungel-Level misslungen. Manchmal kann auch ein Blick nach links oben zum HUD am Bildschirmrand das Leben der Spielfigur retten, beschränkt sich diese unaufdringlich auf wirklich alle notwendigen Anzeigen: zwei Waffenslots, Charaktername, Lebensbalken, Gesundheit und nicht zuletzt den aktuellen Punktestand.

Harter Kerl und wildes Weib

Für viele Interessenten vielleicht der Kaufgrund schlechthin wird der Mehrspielermodus sein. Zwei Spieler ballern sich entweder daheim an einem Bildschirm oder per Online-Funktion kooperativ durch die Abschnitte der Einzelspieler-Modi. Das bringt so seine Vor- und Nachteile mit sich, denn wenig eingespielte Duette werden sich anfangs des Öfteren gegenseitig verwirren. Nach nicht allzu langer Eingewöhnngszeit entwickeln sich aber wie im Einzelspieler-Erlebnis spannende Stunden, denn zu Zweit ballert es sich im Endeffekt eine ganze Ecke leichter und noch emotionaler durch die Session. Statt großer Neuerungen oder etwa die Interaktionsmöglichkeiten eines Army of Two zu kopieren, wird hier auf Altbewährtes gesetzt und das ist letztendlich auch gut so.

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Knallhartes Fazit

Hard Corps: Uprising ist mal wieder einer dieser Fälle, die man nur schwer objektiv für jeden Spieler richtig bewerten kann. Spielmechanik und Aufmachung sind einfach zu speziell. Ohne das Genre-Rad unnötig neu auszurichten, darf sich der Spieler hier noch einmal so richtig ohne Rücksicht auf Verluste austoben, fluchen, Level auswendig lernen, wieder fluchen, nur um noch einmal den vielleicht triumphalen Versuch zu starten. So wie es eben in einer längst vergangenen Zeit abging, wenn die Konsole startete. Wer dieses einzigartige Spielgefühl anspielen wird, bekommt einen mehr als gelungenen Genre-Ableger mit all seinen einzigartigen Frust- und Triumph-Momenten. Früher war eben nicht unbedingt alles besser, auch weil Hard Corps: Uprising heutzutage schon etwas mehr als eine gelungene Abwechslung vom allgegenwärtigen Einheitsbrei ist.

Hard Corps: Uprising Testbericht

Hard Corps: Uprising

  • Release: 23.03.2011
  • Genre: Action, Platform
  • Entwickler: ARC System Works
  • Publisher: Konami

Gutes

unvergleichbares Spielgefühl
viele gigantische Bosskämpfe
gelungener Rising-Modus
traditioneller Arcade-Modus
sehr gute Steuerung
treibende Musik
kooperativ On- und Offline spielbar

Schlechtes

hohes Frustpotenzial
fiese Rücksetzpunkte
übermächtiger Streuschuss
maue Story und Charaktere
dreiste DLC-Abzocke (Zusatz-Charaktere)

8.0 / 10 Sehr gut

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