Gran Turismo 5 – Review

Getestet von | 19.12.2010 um 00:00 Uhr

Vor über fünf Jahren wurde ein Team gegründet, das den Auftrag bekam, die Welt der Fahrsimulatoren zu revolutionieren. Als die Playstation 3 noch als wohl gehütetes Geheimnis hinter den verschlossenen Türen von Sony gehütet wurde, sollte für die nächste Generation der Spielkonsolen die nächste Generation der Fahrsimulatoren erschaffen werden. Nachdem die Konsole inzwischen ein alter Hut ist, erblickt der Real Driving Simulator aus der Kooperation von Sony und Polyphony Digital endlich das Licht der Welt. Nachdem ein gefühltes Dutzend an Verschiebungen den Release des Edel-Racers verhindert hat, liegt uns endlich das fertige Gran Turismo 5 vor. Die Ansprüche sind hoch. Ob sich der Arbeitsaufwand gelohnt hat, werden letztendlich die Verkaufszahlen zeigen. Wenn ihr zu den wenigen Unentschlossenen gehört, die sich noch nicht zu einem Kauf durchringen konnten, wird euch dieser Test hoffentlich helfen, die richtige Entscheidung zu treffen.

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Die unendliche Geschichte

Der erste Blick geht selbstverständich unter die Motorhaube. Gran Turismo 5 protzt mit über 70 Strecken an 20 verschiedenen Locations. Dazu serviert uns Polyphony Digital den größten Fuhrpark aller Zeiten. Bei über 1000 Fahrzeugen bekommt jeder Rennspiel-Fan Freudentränen in den Augen. Doch das Kleingedruckte dämpft die Euphorie. Nur knapp 200 Premiumautos sind durch traumhafte Inszenierung mit viel Liebe zum Detail und geniale Cockpit-Ansicht vertreten. Der Großteil von GT5 hat hingegen nicht einmal eine Cockpit-Perspektive zu bieten und sieht deutlich schlechter aus als die Premiummodelle. Das hinterlässt einen bitteren Nachgeschmack zumal Sony hinsichtlich dieses Mankos nicht gerade die Werbetrommel gerührt hat. Übrig bleibt jedoch immer noch ein Gesamtpaket, das sich sehen lassen kann. In einem sehr technisch wirkenden Menü warten GT-Modus, Arcade-Modus, Strecken-Editor und GT-TV auf den ungeduldigen Rennfahrer. Der Arcade-Modus lädt zu einem schnellen Rennen in Form von Einzelrennen oder Zeitrennen ein. Der Strecken-Editor bietet die Möglichkeit, eigene Kurse zu entwerfen. Hier kann entweder ein Rundkurs oder eine Einzelstrecke gepflastert werden. Die Wahl von Bodenbelag, Streckenlänge und individuelle Kurvenanpassung lassen das Straßen-Bauer-Herz höher schlagen. Der Voyeurismus wird über GT-TV befriedigt. Über das PSN werden dort regelmäßig verschiedene Sendungen zu Fahrzeugen und ähnlichen Inhalten angeboten. Das Herz des Real Driving Simulators ist aber der GT-Modus. Erst hier wird man sich des wahren Umfangs von GT5 bewusst. Hier warten Lizenzen, Spezial Events und verschiedene Cups, die in verschiedenen Schwierigkeitsgraden den Fahrer fordern. Anfangs ist es etwas mühsam, den passenden Cup zum vorhandenen Fuhrpark zu finden. Aufgrund des knappen Start-Budgets sind die teuren Edel-Flitzer zu Beginn der Karriere unerschwinglich und der Gang zum Gebrauchtwagen-Händler steht an. So ist man in den ersten Stunden auf erspielte Fahrzeuge angewiesen und es empfiehlt sich, in den Spezial-Events etwas Geld zu machen.

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Mit steigendem Spec-Level werden immer neue Spezial-Events frei. Wenn anfangs noch Kart-Rennen und NASCAR-Schule auf dem Stundenplan stehen, wird ab Level 4 der weltbekannte Top Gear Test Track freigeschaltet. AMG-Fahrschule, Rallye Gran Turismo und Gran Tour sind bereits für fortgeschrittene Rennfahrer und für die Rallye Herausforderung muss man bereits Level 16 auf dem Tacho haben. Video-Tutorials erklären die Herausforderungen und lassen gleichzeitig noch etwas Geschichtsunterricht mit einfließen. Die Spezial-Veranstaltungen sind durch Vielseitigkeit gekennzeichnet und die verschiedenen Schwierigkeitsgrade sorgen für jede Menge Arbeit bis alle Events durch den Gold-Pokal gekennzeihnet sind. Wenn dann genügend Kohle auf dem Konto ist, darf es auch mal ein Neuwagen sein oder es werden beim Autoteile-Händler die benötigten Parts zum Tunen des Lieblings-Renners eingekauft und in der Garage angeschraubt. Gran Turismo 5 wirkt auf den ersten Blick erschlagend und der Spieler braucht etwas Zeit, um mit dem Simulator warm zu werden. Die Bastelarbeiten an den Fahrzeugen, um die passenden Rennen fahren zu können, bremsen den Spielspaß ein wenig aus. Erst wenn ein stattlicher Fuhrpark in der Garage steht und die Spezial-Events frei sind, läuft der Motor rund und die Freude am Fahren kommt auf. Ähnlich umfangreich wie die Spielmodi ist die Vielfalt der verschiedenen Rennstrecken. Selbst wenn wir die Möglichkeiten des Streckeneditors außer acht lassen, kommt GT5 bereits auf ein stattliches Kontingent von 71 Rennpisten. Vom Nürburgring über den bereits erwähnten Top Gear bis hin zur Eiger Nordwand und dem weltbekannten Daytona-Race-Track ist für jeden Geschmack etwas dabei. Zu erwähnen wären dann zumindest noch die Stadtkurse. Monaco ist ein echter Augenschmauss. Dass die Strecken vorwärts und rückwärts gefahren werden, ist ein in diesem Genre legitimes Mittel, um den Umfang noch etwas aufzublähen. Während man aber beispielsweise bei Dirt im namensgebenden Dreck durch die Gegend fährt, ist GT5 nicht darauf beschränkt. Asphalt, Schnee, Schotter und Stadtparcours sorgen für eine Vielfalt, die seinesgleichen sucht. In Verbindung mit unterschiedlichen Wetterlagen und der Möglichkeit Tag und Nacht zu fahren, braucht der Rennfahrer eine lange Zeit bis er wirklich von sich sagen kann, alles gesehen zu haben. Zusammen mit dem Realismus ist dieser Umfang der größte Pluspunkt an Gran Turismo 5 und mit Sicherheit mit verantwortlich für die vielfach bemängelte lange Entwicklungszeit.

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Keine Zeitreisen

Plattformübergreifend kommt es in den letzten Jahren immer öfter vor, dass die Entwickler krampfhaft versuchen, die Frustrationsschwelle niedrig zu halten. Aus Spielersicht ist es auch durchaus wünschenswert. Nach einem zwanzigminütigen Rennen genügt ein einziger Fahrfehler und schon ist die ganze Arbeit für die Katz. Andere Rennspiele bieten in solchen Fällen die Möglichkeit, ein paar Sekunden zurück zu spulen und damit eine neue Chance, den Fehler zu vermeiden. Diese Möglichkeit bietet GT5 nicht. Der Hardcore-Spieler wird vermutlich auch froh darüber sein, denn es passt ja nun überhaupt nicht, einen Fahrsimulator durch diese künstlichen Hilfen zu entschärfen. Andererseits wurden aber auch andere Fahrhilfen wie „Fahrspurassistent“ und Bremsanzeige mit eingebaut. Niemand wird gezwungen, sich dieser Hilfen zu bedienen und da hätte auch das Repeat-Feature Platz gehabt. Aber irgendwo war für Sony vermutlich die Grenze und so ist dieses Feature wahrscheinlich dem (falschen?!) Entwicklerstolz zum Opfer gefallen. Ansonsten bietet Gran Turismo 5 genug Möglichkeiten, dem Fahranfänger den Einstieg zu erleichtern und die verschiedenen Schwierigkeitsgrade leisten den Rest. Was die Steuerung der flotten Flitzer angeht, so kann sich verschiedener Konzepte bedient werden. GT5 unterstützt eine Vielzahl von Lenkrädern und selbst über den normalen Controller lässt sich der Simulator vernünftig bedienen. Die Fahrmanöver wirken je nach Untergrund und Antriebsart realistisch. Das kann man leider nicht von den KI-Gegnern behaupten. Ein flüssiger Spielablauf ist zwar ohne Probleme möglich, man muss sich aber auf die Gegner einstellen. Frühzeitiges Abbremsen macht das Überholen in den Kurven teilweise zu einfach und in höheren Schwierigkeitsgraden fangen die Gegner zu rempeln an. Das Schadensmodell wirkt leider ebenfalls nicht so überzeugend wie es angekündigt wurde. Hochgeschwindigkeitsunfälle sehen in den unteren Levels aus, als hätte Oma auf dem Parkplatz das Auto mit dem Einkaufswagen gestreift. Das physikalische Schadensmodell wird erst ab Level 20 freigeschaltet. Dann werden Unfälle mit abfallender Motorleistung oder Lenkverlust bestraft. Der Realismusgrad ist insgesamt als sehr gut zu bezeichnen, entfaltet seine kompletten Stärken aber leider erst ab fortgeschrittenem Level.

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Boxenluder

Die technische Seite wirkt angemessen. Die Premiumautos sind ein Traum. Cockpit und Blechhülle sind bis ins kleinste Detail dem Original nachempfunden. Dagegen wirken die übrigen 800 Autos aber irgendwie deplatziert. Die Stadtkurse sind traumhaft schön, die Rennen dort haben aber mit leichten Lags zu kämpfen. Die Schatten sind durch starke Treppchenbildung gekennzeichnet. Das fällt aber während der Fahrt kaum auf und so bleiben dem Fahrer während des Rennens negative Eindrücke grundsätzlich verborgen. Das anfangs merkwürdige Schadensmodell unterstützt diesen Falscheindruck auch noch. Die Grafik ist insgesamt also nicht der Quantensprung, den Chef-Entwickler Yamauchi versprochen hat. Der Soundtrack ist nicht zu aufdringlich, im Menü wirkt er aber auf Dauer langweilig. Wir hatten auch das Gefühl, dass die Fahrzeuggeräusche bei den Premiumautos besser animiert sind als beim restlichen Fuhrpark. Der Sound beim Crash hört sich an, als wenn die Kochtöpfe aus dem Küchenschrank fallen und ist der Simulation nicht würdig. Aus Platzgründen haben wir hier wirklich nur die negativen Punkte genannt, die uns während der Tests aufgefallen sind. Das ist aber Jammern auf hohem Niveau. Gran Turismo 5 läuft grundsätzlich flüssig, sieht schick aus und hört sich gut an. Aber leider nicht immer. Der Multiplayer ist genre-typisch, wirkt aber im Vergleich zum Single-Player unterdimensioniert. Im Splitscreen können zwei Spieler gegeneinander antreten. Andere Gegner bleiben in der Boxengasse, dafür gibt es keine Ruckler. Online können bis zu 16 Gegner auf die Piste gehen. Wer sich hier nicht an die Regeln hält und über die Streckenbegrenzung abkürzt oder zu früh aufs Gaspedal tritt wird bestraft. Hier sind uns gelegentliche Lags aufgefallen, die aber kaum erwähnenswert sind. Obwohl es am Multiplayer nichts auszusetzen gibt, bleibt das Gefühl, dass Sony es mit diesem Modus nicht so ganz ernst genommen hat.

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Photo Finish

Gran Turismo 5 hat beim Zieldurchlauf die Nase vorn. Kein anderes Rennspiel auf der Playstation 3 kann mehr Umfang und Realismus bieten. Seinen Ruf als Real Driving Simulator wird GT5 gerecht. Ein wenig mehr haben wir auf technischer Seite erwartet. Die Hochglanzfotos, die uns in den letzten Jahren die Wartezeit versüßen sollten, wirken im Nachhinein dann doch leicht übertrieben. Wer auf knallharten Renn-Realismus mit Schrauber-Feeling steht, liegt mit Gran Turismo 5 goldrichtig. Für den schnellen Arcade-Racer-Spaß ist Sonys Mammut-Produkt nur bedingt zu empfehlen. Diese Zielgruppe wird zwar bedient aber das machen andere besser. So hat das fertige Spiel die Erwartungen gerade so erfüllt. GT5 ist eindeutig der beste Fahrsimulator auf der Playstation 3. Der auf den ersten Blick ernüchterne Eindruck weicht nach ein paar Stunden Spielzeit purer Begeisterung. Es ist nämlich eben nicht die Grafik-Enginge, die GT5 zum besten Fahrsimulator aller Konsolen macht. Es ist der unglaubliche Umfang an Fahrzeugen, Strecken und Wettersituationen, der zusammen mit knallhartem Realismus Gran Turismo 5 die Krone der Rennspiele verschafft hat.

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Gutes

Hoher Realismusgrad
Riesiger Umfang
Tag & Nachtrennen
Unterschiedlichste Witterungen

Schlechtes

Kann anfangs nicht direkt begeistern
Lange Ladezeiten
Schadensmodell

9.0 Must Have

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