Fallout: New Vegas – Review

Getestet von | 24.10.2010 um 00:00 Uhr

Die Welt liegt in Schutt und Asche. Der Nukleare Holocaust hat aus unserem blauen Erdenrund eine lebensfeindliche Gegend voll entstellter Mutanten gemacht. Im 23. Jahrhundert ist dieses Szenario Wirklichkeit geworden. Während wir noch vor zwei Jahren aus den Trümmern von Washington D.C. gekrochen sind, schlägt es einen anderen der wenigen Überlebenden jetzt in die staubige Wüste Nevadas. New Vegas ist der perfekte Ort für Leid, Laster, Lust und Verrat. Der neueste Ableger der Fallout-Serie bringt den Rollenspiel-Fan erneut in die verstrahlten Staaten von Amerika und konfrontiert uns mit einer komplett neuen Geschichte. Ob Bethesda und Obsidian mit Fallout: New Vegas überzeugen können oder ob es nur ein lauwarmer Aufguss des Vorgängers ist, lest ihr in dieser Review.

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Die Würfel sind gefallen

Die Apokalypse ist vorüber. In einem postnuklearen Nevada kämpfen die Reste der Menschheit um´s Überleben. Nachdem Fallout 3 den Spieler das gleiche Szenario in den Überresten der US-amerikanischen Hauptstadt geboten hat, kämpfen wir jetzt im trockenen Südwesten der Staaten bei Sonnenschein und blauem Himmel gegen Geckos, Mutanten und giftige Skorpione. Ganz nebenbei kämpfen zwei Fraktionen um die Vorherrschaft im ehemals demokratischen Vorzeigeland und unser Ego gerät selbstverständlich zwischen die Fronten. Das Spiel beginnt allerdings mit dem Ableben des Helden. Ein mysteriöser Aufrag als Kurier bringt den Hauptdarsteller in Schwierigkeiten. Ein arroganter Vorstadt-Prolet im weißen Anzug jagd unserem Postboten eine Kugel in den Kopf und verscharrt die leiblichen Überreste in der Wüste. Glücklicherweise findet ihn ein durchgeknallter Roboter und bringt den leblosen Körper zum ortsansässigen Wunderheiler, der dem noch namenlosen Hauptdarsteller neues Leben einhaucht. Das ist der perfekte Zeitpunkt, um die Charaktereigenschaften des Kuriers festzulegen. Nach einem kleinen Tutorial mit einer Westernbraut im Dorf unseres Hausarztes kann der Rachefeldzug beginnen. Auf der Suche nach dem geheimnisvollen Mann im weißen Anzug geraten wir zwischen die Fronten der Neuen Kalifornischen Republik und Caesars Legion. Die rivalisierenden Fraktionen kämpfen um den Hoover-Staudamm als letzten großen Energielieferanten für das verstrahlte Ödland. Das Bedürfnis nach Rache treibt uns durch eine Vielzahl zerfallener Dörfer auf dem Weg zum weltberühmten „Strip“. Im Sündenpool angekommen, werden wir schon vom geheimnisvollen Mr. House erwartet. Der gesichtslose selbsternannte Herrscher des Spielparadieses hat Pläne mit dem rachsüchtigen Kurier. Fortan wird der Strahlemann mit moralischen Entscheidungen konfrontiert, immer auf des Messers Schneide und darauf bedacht, keine der Fraktionen zu verärgern. Vorerst…

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Gespräche mit den Einheimischen machen wieder einen nicht unerheblichen Teil des Spielgeschehens aus und sollten auch genutzt werden. Ansonsten geraten wir schnell an unsere Grenzen, wenn bereits zu Beginn des Abenteuers eine Wissenschafts-Fertigkeit von 75 erwartet wird. Hier hilft ein Plausch mit dem Techniker vor Ort, um doch an die Steuerung des benötigten Terminals zu kommen. Das Leveling wurde vom Vorgänger übernommen. Nachdem Doc Hollywood uns nach Spielbeginn zusammengeflickt hat, kann der Charakter verändert werden. Eigenschaften und Fähigkeiten müssen verteilt werden und fortan geht es auf die Jagd nach den Erfahrungspunkten, um im Level aufzusteigen und perfekt ausgebildet die Mauern von New Vegas zu erstürmen. Auf den ersten Blick fällt uns auf, dass uns nichts besonderes auffällt. Fallout: New Vegas sieht dem Vorgänger zum Verwechseln ähnlich. Abgesehen von der neuen Spielumgebung scheint es, als metzeln wir die gleichen Ghuls hin, die wir schon in Washington zu hunderten abgeschlachtet haben. Bethesda und Obsidian arbeiten im neuesten Ableger der Serie einmal mehr mit der Havok-Engine des Vorgängers. Da inzwischen zwei Jahre vergangen sind, wäre ein wenig mehr Innovation wünschenswert gewesen. Umfangreiche Rollenspiele beziehen ihre Atmosphäre aber nicht vorrangig aus der Grafik und so lässt sich der optische Stillstand noch verschmerzen. Bis zur hoffentlich erscheinenden Neuauflage sollte die Havok Physics aber in den wohlverdienten Ruhestand geschickt werden. In der deutschen Version sind Ragdoll-Animation und andere Kleinigkeiten wieder dem Jugendschutz zum Opfer gefallen und so werden lediglich Skorpion, Gecko und sonstiges Getier physikalisch korrekt und mit jeder Menge Show-Effekt in ihre Einzelteile zerlegt. Der menschenähnliche Gegner fällt zum Schutze unserer Kinder wie ein nasser Sack in sich zusammen. Davon abgesehen, hält sich die Zensur in Grenzen, sodass auch mit der deutschen Version von Fallout: New Vegas genügend Spielspaß aufkommt. Fallout-Veteranen fühlen sich sofort heimisch. Die Bedienung von Pip-Boy und V.A.T.S. gehen locker von der Hand und sind auch für Einsteiger leicht erlernbar. Die Karte ist riesig und bietet an allen Ecken und Enden jede Menge Quests, die auch neben der Story-Line für jede Menge Abwechslung sorgen. Rollenspiel-typisch gestalten sich die Dialoge und das Leveling. Hier muss jeder Schritt bedacht werden. Soll unser Held den Pfad der Tugend nicht verlassen, sind die Tötung von Zivilisten ebenso wie unüberlegte Raubzüge nicht angeraten. Wem es um seine Seele egal ist, der mag meucheln und stehlen, was das Herz begehrt.

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Büchsenmacher

Die Waffen können jetzt mit Upgrades versehen werden. Zusätzlich sorgen verschiedene Munitions-Arten für unterschiedliche Trefferwirkung. An Werkbänken können eigenständig neue Projektile gepresst werden. Das Mixen von Heiltränken kann nach erfolgreicher Suche verschiedener heimisch verstrahlter Pflanzen ebenfalls für Erfahrungspunkte sorgen. Am gemütlichen Lagerfeuer werden dann Nahrung und hilfreiche Säfte hergestellt. Fallout: New Vegas zwingt seinen Spielern aber weder eine Karriere als Sterne-Koch noch als Sprengmeister auf. Diese Tätigkeiten sind nicht unbedingt nötig, sorgen aber bei regelmäßiger Anwendung für eine nicht unerhebliche Dauer an zusätzlicher Spielzeit. In einem neuen Begleitsystem können mehrere Helfer mitgeführt werden. Die Untergebenen agieren intelligent und werden nur gelegentlich in eine Sackgasse geführt, wo es dann unserer Hilfe bedarf. Solche Fehler treten allerdings selten auf und liegen auch eher an teilweise lieblosem Level-Bau als an mangelnder KI. Über das Companion-Menü kann dem Rekruten angewiesen werden, welche Aktionen er als nächstes durchzuführen hat und das funktioniert ausgesprochen gut. So muss man sich nicht ständig mit der ärztlichen Versorgung der Mitstreiter aufhalten sondern kann dem tapferen Helferlein auftragen, sich gefälligst selbst um die Erhaltung seiner Vitalfunktionen zu kümmern. Der Spieler hat inzwischen auch genug mit sich selbst zu tun. Neben der neu erlernten Handwerkskunst eilt uns der Ruf nämlich voraus. Alle Aktionen sorgen bei der Bevölkerung für Ansehen oder Abscheu. Unser Hauptdarsteller muss seine Handlungen also genauer gegeneinander abwägen, als es noch beim Vorgänger der Fall war. Sonst gerät man ganz schnell zwischen die Fronten. Die Neuerungen scheinen auf den ersten Blick gering zu sein. Es sind aber durchweg Verbesserungen zu verzeichnen und diese ergänzen das ohnehin schon gute Spielgefühl aus Fallout 3 ausgezeichnet.

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Der Glanz des Glücksspiels

Die in die Jahre gekommene Engine beschert dem Spieler eine altbackene Grafik. Zwei Jahre seit Fallout 3 sind in der Videospielindustrie eine Ewigkeit und der technische Stillstand sorgt für ein wenig Enttäuschung. Glücklicherweise unterscheiden sich das Ödland und der Strip grundlegend und so ist zumindest für Abwechslung gesorgt. Im gesamten Ödland stolpert man allerdings über unschöne Texturen und leichte Fehler oder grafische Sackgassen. Die Darsteller sind nicht gerade eine Schönheit und das liegt nicht nur an den Strahlenverletzungen. Ghul und Gecko haben einen hohen Wiedererkennungswert. Die Dörfer sehen allerdings immer gleich aus. Dafür sorgen eine Vielzahl von Häusern und zerfallenen Hütten für Schatzsucher-Feeling. Die Masse machts. Die Grafik ist nicht unbedingt zum Weglaufen, zum Verweilen lädt sie allerdings auch nicht ein. Die atmosphärische Dichte bezieht ein Rollenspiel dieser Größe aber durch das Spielgefühl und das ist gewohnt gut. Wir tauchen förmlich ein, in die tristen Gegenden und perpektivlose Zukunft der Überlebenden des nuklearen Winters und das ganz ohne Schweißperlen auf der Stirn sämtlicher Figuranten zu sehen. Bei der Vertonung wurde sauber gearbeitet. Die zahllosen Gespräche mit den NPC´s sind fast ohne Fehler in unsere Heimatsprache übersetzt worden und runden zusammen mit der musikalischen Untermalung durch die örtlichen Radiosender und den Klang der Waffen das Soundpaket ab. Der New Vegas Strip glänzt um einiges prachtvoller als der Rest des Ödlands. Leuchtende Straßen und Casinos, Neon-Reklame und anderes Bling Bling sorgen zumindest für Abwechslung in der grafischen Mittelmäßigkeit.

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Zwischen die Augen

Fallout: New Vegas ist kein Shooter. Auch wenn teilweise das Gefühl aufkommt, in einem Hummer-Aquarium ums nackte Überleben zu kämpfen, behält der Rollenspiel-Part die Überhand. Das führt uns auch die kampferleichternde V.A.T.S. vor Augen. Bei voll aufgeladener Energie hält das Spiel an und lässt den auf uns zustürmenden Gecko in Zeitlupe verharren während das Körperteil der Begierde als Trefferzone für das nächste Projektil markiert wird. Eine Prozentanzeige zeigt die Wahrscheinlichkeit eines erfolgreichen Schusses an. Je nach Waffenart können so bis zu vier Kugeln in den Gegner geschlagen werden, bevor eine erneute Aufladung der Energie-Reserven nötig wird. Dies geschieht automatisch, bedarf jedoch ein wenig Geduld. Da wir die definitiv nicht haben, wenn eine Horde Ghule oder Killer-Krebse uns den Gar ausmachen wollen, ist es nützlich, immer genug Auffrischungsgetränke in der Tasche zu haben. Die V.A.T.S. macht einen leicht verbesserten Eindruck gegenüber Fallout 3. Auch auf die Geschosswirkung wurde mehr geachtet. Gepanzerte Kriechtiere sollten nicht mit der 9mm Pistole angegriffen werden. Hier garantiert der Flammenwerfer einen schnellen Erfolg. Die Trefferzonen sind individuell ebenfalls unterschiedlich wirksam. Der Kopf ist grundsätzlich ein geeignetes Ziel für das Hohlmantelgeschoss. Bei Robotern und diversen Tieren sollte dem Gegner aber nicht direkt auf den Schädel gezielt werden. Andere Trefferzonen sorgen teilweise für größere Schäden. Hier ist Ausprobieren angesagt. Die restliche Steuerung erfolgt über den Pip-Boy. Auch das ist nicht neu. Verschiedene Waffen können per Schnellwahl auf das Steuerkreuz verteilt werden und Karte und Aufgabenliste sorgen dafür, dass nie der Überblick verloren wird. Die Steuerung ist sinnvoll angelegt. Die KI ist ebenfalls gelungen und sorgt je nach Schwierigkeitsgrad für nicht unerheblichen Stress beim Spieler. Im mittleren Schwierigkeits-Level agieren die Gegner schon intelligent und greifen die Flanken an. Leider wird nicht angezeigt, wo der Treffer einschlägt. Das sorgt bei überraschendem Feindbeschuss im ersten Moment teilweise für hilfloses Drehen und Winden bis der Gegner schließlich ausgemacht und unter Feuer genommen werden kann. Im Hardcore-Modus muss dann zusätzlich zum zähen Gegner-Schwarm mit den Folgen der Austrocknung in der Wüste gekämpft werden. So stellen uns die Suche nach Wasser und die Miteinbeziehung des Munitions-Gewichts vor zusätzliche Herausforderungen, die wirklich nur den Hardcore-Spieler interessieren dürften. Das Aufhalten an diesen Kleinigkeiten ist nach einer gewissen Zeit nur noch lästig und Fallout: New Vegas bietet auch ohne dieses Feature genügend Spielumfang.

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Mit einem großen Namen gehen große Pflichten einher

Ob Fallout: New Vegas als vollwertiges Spiel oder dickes Update von Fallout 3 durchgeht, sollte jeder für sich selbst entscheiden. Das neue Setting in Nevada wirkt frisch und nicht so erdrückend wie das düstere D.C. Die gleich bleibende Grafik ist Enttäuschung und Segen zugleich. Schön wäre etwas mehr technische Innovation von Bethesda einerseits gewesen. Andererseits juckt es nach dem Durchspielen sofort, nochmal Fallout 3 in Angriff zu nehmen. Bethesda ist nicht das erste Studio, dass eine Engine mehrfach nutzt und im Fall von Fallout: New Vegas spricht auch nichts dagegen. Wir wollen doch nicht vergessen, dass wir hier ein Rollenspiel mit unendlichen Möglichkeiten serviert bekommen und da muss der Maßstab etwas anders angesetzt werden als bei einem Edel-Racer. Fallout: New Vegas rockt! Eine geniale Location, unendliche Möglichkeiten und der bissige Humor sorgen für einen hohen Wiederspielwert. Erneut sind es nicht Grafik und nicht vorhandener Mehrspielermodus sondern Atmosphäre, Story und Umfang, die dem Rollenspiel eine hohe Wertung bescheren. Wir könnten uns noch unzählige Ableger an verschiedenen Locations oder eventuell sogar auf verschiedenen Kontinenten vorstellen. Mit ähnlich genialen Storys hätte Bethesda damit einen Erfolgsgaranten im Sack. Zukünftig könnten die bisherigen Gewinne aber dann bitte in die Erneuerung der Engine investiert werden. Bis es uns wieder in ein verstrahltes Ödland irgendwo auf der Erde verschlägt, wird Fallout: New Vegas sicherlich öfters in der heimischen PS3 rotieren. Zuvor muss aber Fallout 3 nochmal dran glauben.

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Gutes

Gute Synchronisation
Riesiger Umfang
Gute Storyline

Schlechtes

Nicht so dichte Atmosphäre wie beim Vorgänger
Veraltete Grafik

8.5 Sehr gut

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