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Deus Ex: Human Revolution – Review

Artikel von | 31.08.2011 um 00:00 Uhr

Die Videospiel-Historie hat es in der Vergangenheit immer wieder gezeigt: Cyberpunk ist absolut faszinierend, allgegenwärtig und hat obendrein einige kultige Videospiele hervorgebracht. Doch während Serien wie Syndicate, Blade Runner oder System Shock ihr Dasein in düsteren Entwicklungs-Depressionen fristen, kann sich einer der großen Namen erheben und für ein lang erwartetes Comeback sorgen. Deus Ex: Human Revolution verwandelt auch die PS3-Gegenwart für viele Stunden in eine dystopische Zukunftsvision. Ein spielerischer Hoffnungsschimmer?

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Düstere Aussichten

Eigentlich war ein dritter offizieller Deus Ex Titel bereits in der Abstellkammer für eingestellte Videospielprojekte abgelegt. Denn nach der gefühlten Enttäuschung von Deus Ex: Invisible War, das in vielen Punkten spielerische Rückschritte gegenüber des Kultspiels des Jahres 2000 offenbarte, schlossen die Entwickler von Ion Storm nach einem unaufhaltsamen Abgang ihrer wichtigsten Mitarbeiter – zu ihnen gehören legendäre Namen wie Warren Spector oder Randy Smith – ihre Pforten. Doch der damalige Publisher Eidos behielt alle Rechte, beauftragte kurzerhand das ambitionierte Studio in Montreal mit dieser Aufgabe. Im Laufe des Jahres 2007 wurde ein neuer Teil offiziell angekündigt. Nun ist er endlich da.

Anstatt die Leserschaft mit weiteren alten Details zu den Serien-Ursprüngen zu langweilen geht es sofort in die fiktiven Geschehnisse des Jahres 2027, also einige Zeit vor Deus Ex aber gar nicht so weit weg von unserer eigenen Gegenwart. Wie es zum Cyberpunk gehört, ist die Menschheit wie eh und je zwiegespalten. Gründe dafür finden sich vor allen Dingen in so genannten Biomodifikationen wieder, die den Menschen eigentlich das Leben erleichtern sollen. Doch was für die einen Segen ist, bedeutet für die anderen den Anfang vom Ende, den Verlust sowie Abkehr des menschlichen Daseins zugunsten einer künstlichen Existenz. Als Adam Jensen schlüpft der Spieler in die Haut des Sicherheitschefs der führenden Biomod-Firma Sarif Industries. Während des spielbaren Prologs wird nicht mit Andeutungen zu etwas Bahnbrechendem gegeizt – bevor es jedoch zu dessen Enthüllung kommen kann wird die Anlage von feindlichen Söldnern angegriffen, die ein wahres Massaker anrichten. Auch unsere Spielfigur wird schwer in Mitleidenschaft gezogen, überlebt nur wie durch ein Wunder. Wobei es sich um das technische Wunder eben jener Biomodifikationen handelt, die Adam persönlich so sehr ablehnt. Ein halbes Jahr später kehrt er zurück zu dem Ort, wo das Dilemma für ihn begann. Im weiteren Spielverlauf entwickelt sich so eine qualitativ hochwertig präsentierte Geschichte mit zahlreichen Zwischensequenzen um Rache, Verschwörung und dem allgegenwärtigen Menschheitskonflikt des nicht allzu fernen Zukunftsszenarios.

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Sieger im Vielseitigkeit-Wettbewerb

Je nach Vorgehensweise kann der spielerisch vielseitige Ausflug einmalig etwa 25 bis 60 Stunden andauern, aufgrund der unterschiedlichen Möglichkeiten aber auch noch mehrere Male zum Durchspielen motivieren. Oberflächlich betrachtet ist Deus Ex: Human Revolution ein Action-Rollenspiel mit Schleicheinlagen, vereint dementsprechend viele mögliche Spielmechaniken in einem hervorragendem Gesamtwerk. Da trübt es auch nicht allzu sehr, dass es heutzutage bereits mehr als eine handvoll Videospiele gibt, die die einzelnen Elemente schon eine ganze Ecke besser hinbekommen haben. Im Vergleich gestalten sich beispielsweise Ballereien in Uncharted 2, Mass Effect 2 oder Crysis 2 wesentlich knackiger, genauso verhält es sich bei den Schleichpassagen gegenüber Metal Gear Solid 4. Hilfreiche Tutorials in kommentierter Videoform führen übrigens in die grundlegenden Spielmechaniken ein. In der überschaubaren, offenen Spielwelt nimmt Adam Haupt- und Nebenaufgaben an um Erfahrungspunkte zu erhalten, die er dann wiederum in die wertvollen Augmentierungen investieren darf. Augmentierungen sind sozusagen die Fertigkeiten, mit denen sich der Charakter immer weiter verbessern kann, etwa beim Hacken, Schleichen oder dem Einsatz des reichhaltigen Waffenarsenals. Eine der coolsten Augmentierungen dürfte wohl die Möglichkeit sein, den Gegner mit einem kraftvollen, gezielten Schlag durch das Gemäuer hindurch zu erledigen.

Bereits beim ersten Hauptauftrag offenbaren sich verschiedenste Herangehensweisen, wenn Adam zu einer Geiselnahme gerufen wird: Trödelt er im Sarif-Hauptquartier zu lange herum, besteht die Gefahr, dass bereits ein Großteil der Geiseln exekutiert wurde – noch bevor Adam überhaupt am Einsatzort eingetroffen ist. Der nächste Rüffel, nachdem er bereits peinlicherweise auf der Damentoilette bemerkt wurde. Bereits zu diesem frühen Zeitpunkt wird der Spieler vor die Wahl gestellt und bekommt kleinere und größere Konsequenzen präsentiert, was letztendlich in vier verschiedenen Enden mündet. Auf dem Gelände der Industrieanlage geht es dann ans Eingemachte: Mit purer Waffengewalt den Haupteingang stürmen um alles und jeden ohne Rücksicht auf Verluste niedermetzeln? Auch auf die Gefahr hin weniger Erfahrungspunkte zu bekommen oder schon nach wenigen Treffern den Bildschirmtod zu sterben? Oder die Patrouille auf ihrer Route lautlos auszuschalten – wobei sich dann noch die Frage stellt ob mit tödlicher oder betäubender Wirkung? Ersteres könnte hellhörige Mitstreiter auf den Plan rufen, in jedem Fall wird der Überwältigte nach Gegenständen durchsucht und anschließend in einer dunklen Ecke „abgelegt“. Vielleicht ist deshalb die schlichte lautlose Umgehung des Problems die beste Lösung, denn so gelangt Adam zum Türschloss des Dachgeschosses, das wir nun knacken können. Mit dem etwas hakeligen Deckungssystem, das den Charakter automatisch für eine bessere Übersicht von der Ego- in die 3rd-Person-Ansicht wechseln lässt, geschickt und ungesehen vorbei an Gegnern und Überwachungskameras – die wir vorher auch hätten ausschalten können – zum Lüftungsschacht heranschleichen. Eine zeitaufwendige, aber anspruchsvolle wie effektive Vorgehensweise. Jetzt stünde da noch die verschlossene Tür im Wege, die entweder per simplen Minispiel gehackt oder der dazugehörige Code gesucht werden kann. Während man diesem auf einem Computer findet, könnte man auch noch schnell die Wachroboter so umprogrammieren, dass diese jetzt die Feinde angreifen. Bis hierhin hat die künstliche Intelligenz aber auch schon einige Aussetzer gezeigt, die vielen Möglichkeiten fordern also auch ihren Tribut. Wer jetzt auf einen ersten der zünftigen Bosskampf gewartet hat, müssen wir dahingehend enttäuschen. Stattdessen kommt es zu einem Dialog mit verschiedensten Gesprächoptionen, wovon auch das Leben einer Geisel abhängt. Auch in der Einsatznachbesprechung zeigt die Vorgehensweise noch Auswirkungen.

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Technischer Aufstand

Auch technisch präsentiert sich Human Revolution als traditionelles Deus Ex, was eine gewisse Durchwachsendheit bedeutet. So sind die Lokalitäten allesamt relativ stimmungsvoll düster sowie mit vielen kleinen Details gespickt, die ein genaueres Hinsehen sowohl belohnen (z.B. Easter-Eggs wie ein Poster zu Final Fantasy XXVII) als auch ernüchtern: Viele Settings sowie Objekte wiederholen sich zu oft, Clipping-Fehler en masse, puppenhaftes Charakterdesign, Animationen könnten flüssiger sein und minderwertige Mimik sowie vermasselte Lippensynchronität – bei deutscher Sprachausgabe stärker als im Englischen – kosten schon einige Punkte bei der ansonsten überwältigen Atmosphäre. Zudem haben Ballereien fast überhaupt keine physikalischen Auswirkungen auf die Umgebung, was heute eigentlich zum Standard gehören müsste – das schaffen selbst die meisten Low-Budget-Entwicklungen heutzutage. Hervorhebenswert sind auf der technischen Seite der überragende, epische Soundtrack, gute Soundeffekte sowie eine gelungene Lichtstimmung, welche einige schwächere Texturen kaschiert. Dafür läuft das Geschehen größtenteils flüssig über den Bildschirm. Erfreulich für oftmals arg gebeutelte PS3-Besitzer bei großen Multiplattformtiteln: Grafisch hat die PS3-Version etwas mehr auf dem Kasten, wirkt insgesamt schärfer als das Xbox360-Pendant.

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Deus Ex ad acta: Das Fazit

Deus Ex: Human Revolution ist der spielerische Lichtblick im düsteren Sommerloch des Spieljahres 2011, doch reicht leider nicht ganz an den Kultstatus des Erstlings heran. Dafür trüben zu viele Schwachpunkte den anspruchsvollen Spielspaß. Trotzdem präsentiert sich der neueste Ableger vielseitiger als jede aktuelle Konkurrenz und gräbt alte, fast vergessen geglaubte Qualitäten wieder aus.

Deus Ex: Human Revolution Testbericht

Deus Ex: Human Revolution

  • Release: 25.08.2011
  • Genre: Action, Ego Shooter, First Person Action, Rollenspiel
  • Entwickler: Eidos Montreal
  • Publisher: Square Enix

Gutes

spielerisch vielseitig
lange Spielzeit (25-60 Stunden)
viele Entscheidungsmöglichkeiten
vier verschiedene Enden
hoher Wiederspielwert
überragender Soundtrack
insgesamt gelungene Atmosphäre
motivierende Nebenaufgaben
Entdecker-Naturen werden belohn

Schlechtes

grafisch im Detail altbacken
schwache Physik
durchwachsene Gegnerintelligenz
hakeliges Deckungssystem
schwache Mimik und Lippensynchronität

8.5 / 10 Sehr gut

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