Der Herr der Ringe: Der Krieg im Norden – Review

Getestet von | 20.11.2011 um 00:00 Uhr

Keine Franchise war über Jahre hinweg wohl so präsent wie „Der Herr der Ringe“. Angefangen mit den originalen Büchern aus den 50er Jahren, über die Verfilmungen von Peter Jackson bis hin zu einer Vielzahl an Videospielen – für jedes Medium findet man reichhaltige Beispiele. In den vergangenen Jahren war es Electronic Arts, die Spielern auf sämtlichen Konsolen interaktive Erlebnisse in Mittelerde ermöglichten. Vergangenes Jahr schnappte sich dann aber Warner Bros. die Lizenz zur epischen Saga und bewies mit dem Move-Abenteuer „Aragorn’s Quest“ eindrucksvoll, wie man mit solch einer mächtigen Vorlage eher nicht umgehen sollte. Kritiker fanden genügend Makel und Fans waren zu Recht besorgt, inwiefern „Der Herr der Ringe“ gut bei Warner aufgehoben ist. Doch gut ein Jahr nach Release will der Publisher beweisen, dass er es besser kann: Neues Entwicklerstudio, neues Konzept – wie sich „Der Krieg im Norden“ schlägt und ob man die Gunst der Fanschar zurückgewinnen kann, erfahrt ihr in unserem Review!

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Ein Ring sie zu knechten

„Der Krieg im Norden“ ist wenig überraschend im Herr der Ringe-Universum angesiedelt, erzählt aber nicht die Geschichte der Filme und Bücher, sondern beschäftigt sich mit einer neuen, bisher unbekannten Storyline. Diese spielt sich allerdings parallel zu Frodos Reise ab, sodass der Spieler zumindest indirekt das ein oder andere Mal mit der ursprünglichen Problematik konfrontiert wird. Doch im Mittelpunkt steht der kleine Hobbit ganz und gar nicht. Hauptakteure des Spiels sind nämlich ein Elf, ein Zwerg und ein Mensch – ein Trio, welches ungleicher nicht sein könnte. Genau dieses Trio wurde auf seinen Streifzug von den schwarzen Reitern angegriffen. Ohne zu zögern reisen sie nach Bree – allerdings kurz bevor Frodo und seine Freunde dort eintreffen – und erzählen Aragorn von den Vorkommnissen. So wurden sie von den schwarzen Reitern überwältigt, mussten sich zurückziehen, haben aber noch in Erfahrung bringen können, dass der mächtige Agandaûr schnellstmöglich eine Streitmacht zusammenstellen will. Die Mission des Trios: Gemeinsam sollen sie das Auge des Feindes auf sich lenken, damit Frodo wie gewohnt seine Reise fortsetzen kann und nicht in Bedrängnis gerät. Gesagt, getan – Zwerg, Mensch und Elf machen sich auf den Weg durch Mittelerde, um dem Feind gegenüberzutreten.
Die Geschichte klingt auf dem Papier wahrlich nicht interessant. Und so wirklich Spannung will dann auch nicht aufkommen. Glaubt man am Anfang noch, dass es sich lediglich um einen drögen Auftakt handelt, so mag auch später der Spannungsbogen nicht steigen. Die gesamte Handlung über wird die Geschichte äußerst flach runtergerattert, ohne Überraschungen, ohne interessante Wendungen. Erzählerische Highlights bleiben ebenso aus wie eine Entwicklung der Charaktere und deren Persönlichkeiten. Vollkommen emotionslos erfüllen die Protagonisten ihre Mission und auch Nebendarsteller sind nur Zweck zum Mittel und werden in die Geschichte nicht wirklich mit eingebunden. Und das ist mehr als Schade, ist man vom Herr der Ringe-Universum doch erzählerische Meisterwerke gewohnt. Nach circa zwölf Stunden hat der Spieler dann das Action-Rollenspiel durchgespielt und kramt wohl vergeblich in seinem Gedächtnis nach nennenswerten Spielszenen, die ihm in Erinnerung hätten bleiben können.

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Stumpfsinnige Gefechte im Norden

Doch die Story ist nur die eine Seite der Medaille. Viel wichtiger mag für Action-Rollenspieler das Gameplay sein. Betrachtet man „Der Krieg im Norden“ im Gesamten, so bietet das Spielprinzip durchaus Spaß, hat aber verschiedene Facetten. Gesteuert wird immer nur ein Protagonist, wenngleich sich zu jederzeit alle drei Spielcharaktere im Geschehen tummeln. Die Kampfmöglichkeiten beschränken sich auf das Nötigste. Mit den verschiedensten Waffen dürft ihr sowohl leichte als auch schwere Angriffe vollführen, zur richtigen Zeit sogar kritische Treffer austeilen und bei genügend Talent den verstärkten „Heldenmodus“ aktivieren. Zum eigenen Schutz kann der Spieler darüber hinaus ein Schild mit in seinem Inventar – welches nebenbei erwähnt mit gewissen Unfeinheiten in der Bedienung zu kämpfen hat – tragen, das ein verbessertes Blocken ermöglicht. In hektischen Schlachten empfiehlt es sich, mit solch einem Schutz ausgerüstet zu sein, da die auftretenden Übersichtsprobleme oftmals nur überlebt werden können, wenn man neben geschickten – aber doch recht einfach gehaltenen – Schlagkombi auch das Blocken beherrscht. Seid ihr kein Freund des Nahkampfs, so besteht immer noch die Option sich mit Pfeil und Bogen auszurüsten und die Gegner aus der Distanz zu eliminieren. Leider ist das Zielen und Treffen relativ anspruchslos und so wird das Bogen- und Armbrustschießen schnell zu einer Kirmesveranstaltung. Auf einem viel höheren Niveau befinden sich aber auch die restlichen Kampfpassagen nicht wirklich. Ein gewisser Grad an Schwierigkeit ist zum Teil vorhanden, Auswirkungen auf den „Spielspaß“ hat dieser aber nicht. Macht das Kampfsystem anfangs noch einen knackigen, kurzweiligen Eindruck, so wird schnell klar, dass dieser täuscht. Bereits nach wenigen Spielstunden verfällt das Geschnetzel in eine furchtbare Monotonie, die nur selten durch kleinere Bossfights aufgelockert wird. Fans des modernen Hack’n Slay-Genres können aber dennoch ihren Spaß haben. Die immer wieder aufkommenden Gegnerwellen sind nämlich durchaus fordernd und vor allem bei geringer Gesundheit gilt es, taktischer vorzugehen um den Tod zu vermeiden. Noch spaßverderbender können da dann höchstens die entscheidenden Aussetzer der KI sein. Während die Gegner keineswegs taktisch vorgehen und gemäß dem Motto „Alles oder Nichts“ auf die eigene Gruppierung losstürmt, versuchen die eigenen Mitstreiter durch selbstständige Anwendung von Fähigkeiten und Zauber den Kampf etwas Tiefe zu verleihen. Kommt es zu Massenschlachten auf einem kleinen Spielfeld, passiert es aber des Öfteren, dass die Kumpanen den Weg versperren und teils zu passiv agieren. Auch kommt es zu entscheidenden Patzern, die so nicht passieren dürfen: Freund und Feind bleiben in Wänden und Ecken hängen, schießen oder schlagen ins Nichts und rennen orientierungslos durch die Gegend. Auch wenn das die Ausnahme ist – das darf nicht passieren!

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Level Up!

Durch Töten eurer Gegner erhaltet ihr neben Geld und Objekten auch Erfahrungspunkte. Im Laufe der Zeit steigt ihr in euren Level auf und eure Spielfigur kann sich dementsprechend weiterentwickeln. Die erste Amtshandlung nach Aufsteigen in der Stufe ist das Aufwerten eurer Grundfähigkeiten. Beschränkt hat man sich auf die üblichen Verdächtigen: Stärke, der Faktor der für die Kraft entscheidend ist, die für die Verteidigung verantwortliche Geschicklichkeit, sowie Ausdauer und Wille, mit der Lebens- und Zauberenergie bestimmt wird. Sind die drei verfügbaren Punkte pro Level verteilt, so geht es an das Erlernen von neuen Fähigkeiten. Mit jeder Stufe kann dem Charakter eine neue Fähigkeit beigebracht werden, die in Kämpfen durchaus nützlich sein kann. Grob aufgeteilt sind diese Attacken in die drei Kategorien „Schlachtruf“, „Rundschlag“ und „Vernichtender Schlag“. Jede von diesen unterteilt sich in weitere, kleine Einzelaspekte, die zum Teil durch Hinzufügen von euren Erfahrungspunkten auch in bis zu drei Stufen perfektioniert werden können. Es gilt also, Fähigkeiten und Charaktereigenschaften nach eigenem Belieben zu formen, sodass Mensch, Elb oder Zwerg im Kampf so gerüstet sind, wie man es selbst möchte. Dieser kleine RPG-Aspekt darf natürlich nicht mit Pendants aus reinrassigen Rollenspielen verglichen werden. „Der Herr der Ringe: Der Krieg im Norden“ will vorzüglich ein Action- und kein Rollenspiel sein. Nichtsdestotrotz schafften die Entwickler mit diesem Spielelement ein wenig Abwechslung in den tristen Kampfalltag. Erlernbare Kampfmoves und zwischenzeitliches Aufwerten der Fähigkeiten sorgen für gelungene Abwechslung.

Immer geradeaus Richtung Norden

Die Reise durch den Norden Mittelerdes gestaltet sich gänzlich uninspiriert und völlig ereignislos. Das neueste Abenteuer beweist mit Bravour: Ein Spiel, welches im HdR-Universum spielt, kommt nicht automatisch mit der gleichen, faszinierenden Spielwelt daher. In „Der Krieg im Norden“ besucht man neben neuen auch bekannte Schauplätze, unterhält sich mit bekannten Charakteren, aber dies alles wirkt einfach vollkommen belanglos und ist nicht auf dem Niveau der Franchise. Ein gutes Beispiel sind die Dialogsequenzen. Optisch orientiert das Unterhaltungsrad am unteren Bildschirmrand an dialoglastige Spiele wie Mass Effect oder Dragon Age. Einen ähnlichen Tiefgang besitzen die Gespräche mit NPCs – anfangs scheinbar ein wichtiges Element des Spiels, entwickeln sich Dialoge im Laufe der Zeit sowieso zu Mangelware – aber nicht. Sie bestehen aus einem stumpfsinnigen Frage-Antwort-Spiel. Zugute halten kann man diesen Passagen, dass der Spieler noch einiges über das HdR-Universum erfahren kann, für das Spiel sind sie aber vollkommen uninteressant. Doch betrachten wir das Spiel doch nicht mal als ein Teil der imposanten „Herr der Ringe“-Welt, sondern als herkömmliches Action-Spiel. Macht es seinen Job dann besser? Nicht wirklich. Die größten Defizite hat das Spiel nämlich im Missionsdesign und Gestaltung der Spielwelt. Letztere ist völlig linear, der Spieler kämpft sich von Level zu Level, ohne jegliche spielerische Freiheiten genießen zu können. Wir fordern keine vollkommen offene Welt, sondern einfach alternative (Lösungs-)Wege abseits vom Hauptpfad. Diese drastische Schwäche wird darüber hinaus auch noch mit dem Fehlen echter Nebenquests unterstützt. Einen wirklichen Wiederspielwert besitzt „Der Krieg im Norden“ nicht, vielmehr ist man am Ende des Spiels darüber erfreut, sich mit Erfolg durch das öde präsentierte Abenteuer gekämpft zu haben. Denn auch die Hauptquests gestalten sich eintönig. Das Missionsdesign ist nicht wirklich vielfältig und im Laufe der Spielzeit wird größtenteils immer dasselbe von einem gefordert.
Ein nennenswertes Highlight in der spielerischen Dichte von „Der Krieg im Norden“ ist der Koop-Modus, den ihr wahlweise im Split-Screen mit einem Freund gemeinsam vor eurem Fernseher oder zu dritt über das Internet spielen könnt. Die gesamte Story kann so absolviert werden. Nervige KI-Probleme fallen so weg und generell macht das gemeinsame Schnetzeln um einiges mehr Spaß als die Solo-Reise Richtung Norden.

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Gut gegen Böse, Schlecht versus Gut

Zu guter Letzt wollen wir noch ein kritisches Auge auf den technischen Aspekt des Actiontitels werfen. Das Spiel läuft stetig flüssig und hat selten mit Framerate-Einbrüchen zu kämpfen. Selbst bei umfangreichen Massenschlachten muss der Spieler keine Angst haben, dass das Spiel technisch zusammenbricht. Ein Grund für diese problemlose Darstellung ist möglicherweise die eher durchschnittliche Grafik. „Der Krieg im Norden“ bewegt sich auf einem Level, dass heutzutage bei derart starker Konkurrenz gerne als niedrig angesehen werden darf. Wirkt die grafische Präsentation auf dem ersten Blick noch recht ansehnlich, so werden bei genauerer Betrachtung all die kleinen und großen Makel deutlich. Die Wasseranimationen sehen recht gekünstelt aus, die einfältige Botanik ist undetailliert. Das Figurendesign wirkt auf dem ersten Blick ebenfalls gut, ist im Endeffekt dann aber doch zu leblos. Hinzu kommen die kantigen Bewegungen und ziemlich lächerlichen Todesanimationen. Nichtsdestotrotz gibt es auch Genrevertreter, die ihren Job noch schlechter machen. Das Action-Rollenspiel weiß in seiner Darstellung zum Teil durchaus zu gefallen.
Schließt man für wenige Minuten seine Augen und gibt sich ganz den Klängen des Spiels hin, so wird gleich ein ganz anderer Eindruck wach. „Der Krieg im Norden“ besticht durch eine seichte Musikuntermalung, die zwar nicht besonders auffällt, aber vielleicht genau deswegen so angenehm zu lauschen ist. Größtenteils erinnert es an typische „HdR“-Sounds. Während der ruhigen Streifzüge durch Mittelerde ist auch der Soundtrack gemütlich und wenig aufdringlich. Bei epischen Schlachten entwickelt sich dann auch der Soundtrack hin zu einer auffälligeren Variante. Auch den Synchronsprechern gebührt Ehre: Auch wenn die Dialoge recht trocken und unspektakulär sind, so machen die Sprecher immerhin noch einen guten Job und wissen zu überzeugen. Sowohl die englischen Originale als auch die deutschen Pendants dürfen sich dabei angesprochen fühlen.

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Epischer Sieg oder Schlacht verloren?

Auf Messen und Präsentationen hat „Der Krieg im Norden“ in den vergangenen Jahren grundsätzlich einen guten Eindruck gemacht. Nicht viel davon ist übrig geblieben. Im Endeffekt wird uns ein mittelmäßiges Action-Hack’n Slay mit traditionellen Rollenspielelementen im „Herr der Ringe“-Universum geboten. Und sowohl als „Herr der Ringe“-Spiel, als auch als Actionspiel will „Der Krieg im Norden“ nicht ganz überzeugen. Die Story wird nur dünn erzählt, stilistische Highlights sind Mangelware und trotz bekannter Orte und Charaktere will zu keiner Zeit solch ein episches Gefühl aufkommen, wie es sonst bei „HdR“ der Fall ist. Spielerisch wirkt das Spiel nur zu Anfang umfangreich und abwechslungsreich. Im Laufe des Abenteuers wird man mit monotonen und langweiligen Kämpfen konfrontiert, die wohl nur Hardcore-Slasher Spaß machen werden. Der Spielablauf ist zu linear, das Missionsdesign zu eintönig, Nebenquests und spielerische Freiheiten werden vergebens gesucht. Da kann auch der durchaus spaßige Koop-Modus und der gute und entspannende Soundtrack auch nichts mehr dran ändern – „Der Krieg im Norden“ ist im Angesicht seiner Genre-Konkurrenz durchaus überflüssig und kann nur bedingt weiterempfehlt werden.

Gutes

+ drei verschiedene, spielbare Charaktere
+ nettes, auflockerndes RPG-Element
+ guter, seichter Soundtrack
+ spaßiger Koop-Modus
+ Kämpfe können mitunter Spaß bereiten,…

Schlechtes

- … werden aber auch schnell monoton & langweilig
- Story wird dünn erzählt, kein episches HdR-Gefühl
- KI mit diversen Aussetzern
- zu lineares Abenteuer ohne Nebenquests
- eintöniges Missionsdesign
- technisch schwache Präsentation

6.0 Mittelmäßig

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