Castlevania: Harmony of Despair – Review

Getestet von | 28.12.2011 um 00:00 Uhr

Die Anfänge der „Castlevania“-Serie sind vielleicht nicht mehr vielen Spielern bewusst. Vor der 3D-Ära der Spielereihe trieb sich das japanische Schaffenswerk von Konami nämlich bereits in 2D-Areale gespickt mit gefährlichen Sprung- und Kampfeinlagen und einer Prise Rätselkost herum. Das im Playstation Network erschienene „Harmony of Despair“ geht zurück zu dieser 2D-Action/Adventure Darstellungsform und demnach auch scheinbar zurück zu seinen Wurzeln – oder etwa doch nicht?

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Ein komplett neues Spiel…

Auf dem ersten Blick fällt Veteranen der Serie bereits auf, dass „Harmony of Despair“ eine deutlich andere Spielerfahrung als die Klassiker aus dem zwanzigsten Jahrhundert bietet. Waren Ableger wie „Symphony of the Night“ – erschienen auf der Playstation 1 – dafür bekannt, umfangreiche Burgareale zu bieten, die es zu erkunden und nach und nach freizusetzen galt, setzt der Playstation Network-Teil einen deutlich anderen Fokus. Während Spielprinzip und genretypische Aspekte in ihren Grundzügen erhalten blieben, steht das Aufdecken der Karte nicht mehr im Mittelpunkt. Von Beginn an hat der Spieler einen Überblick über die komplette Map und kann sich nach Belieben orientieren und das Burgareal wahlweise durch einen kompletten Überblick erkunden oder näher heranzoomen, um sich so bestmöglich seinen Weg durch die Fallen des Schlosses zu bahnen. Insgesamt 30 Minuten stehen zur Verfügung, um das Ziel lebend zu erreichen.
In der Theorie klingt das Spielprinzip noch akzeptabel, in der Praxis merkt man schnell, dass vor allem Einzelspieler wenig Spaß an den Veränderungen haben. Durch die aufgedeckten Areale – die im Grunde lediglich nur dem neuen Mehrspielermodus zugutekommen – verliert das Spiel enorm an Charme und interessante Aufdeckungsmissionen und Rätseleinlagen gehören der Vergangenheit an. Den knackigen Schwierigkeitsgrad wollen wir ebenfalls hervorheben, ohne ihn in irgendeiner Weise schlecht zureden. „Harmony of Despair“ ist kein Spaziergang und es erfordert viel Übung, Erfahrung und Geduld, die Stages fehlerfrei zu meistern. Doch diese Herausforderung war schon immer ein Bestandteil der Serie und wirkt auch im neuen Teil keinesfalls fehl am Platz. Viel störender ist die Eintönigkeit, die mit der Zeit Einzug erhält. Durch das erwähnte Fehlen der Rätsel und Erkundungen wirkt das neue Castlevania-Abenteuer recht einseitig und mit der Zeit langweilend. Doch wichtig: All diese Kritik richtet sich im Grunde nur an den Einzelspielermodus. „Harmony of Despair“ ist deutlich auf Mehrspielerpartien ausgerichtet – doch dazu später mehr.

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… oder doch alles beim Alten?

Lässt man diese Kritik etwas außer Betracht, so erkennt man – und vor allem auch Veteranen der Serie – spielerisch durchaus ein Castlevania-Teil, wie er einen gefallen kann. Insgesamt stehen euch fünf verschiedene Charaktere zur Verfügung, mit denen ihr euch durch sechs unterschiedliche Burgareale kämpfen könnt. Diese Spielfiguren entspringen vergangenen Teilen der Saga, sodass sich die Entwickler die für Fans interessantesten Charaktere herausgepickt haben und sie für die Spieler bereitstellen. Alucard, Soma Cruz, Jonathan Morris, Shanoa und Charlotte Aulin haben dabei alle individuelle Angriffe und besonders Einsteiger werden es durch die geringen Hilfestellungen schwer haben, diese wirksam einsetzen zu können. Doch hat man einmal durchschaut, welcher Charakter am besten zu einem passt und wann welcher einzusetzen ist, so steht nichts mehr im Wege, diese bestmöglich auszurüsten und weiterzuentwickeln. Ersteres ist in Anbetracht der Vielzahl an Truhen und Ausrüstungsgegenstände, die es zu finden gilt, problemlos möglich und bildet wohl auch den Kern der Charakterentwicklung. Ansonsten ist diese nämlich sehr mager ausgefallen. Lediglich die angesprochene Ausrüstung, die es unter anderem auch im Shop zu kaufen gibt, verbessert die Werte des eigenen Charakters. So beschränkt sich der Solo-Spielspaß auf das stumpfe Durchkämpfen durch die Areale, das Sammeln von Ausrüstung und dem Besiegen der Bossgegner. Letztere unterstreichen erneut den im Vordergrund stehenden Mehrspieleraspekt – alleine gehört viel vorangehendes Ausrüsten und Üben zu einem Erfolg gegen diese.

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Zusammen durch Dick und Dünn

Zusammen mit bis zu fünf anderen Spielern gelingt nicht nur das Bekämpfen der Bosse leichter, auch der Spielspaß wird generell in die Höhe getrieben. Fühlte sich die aufgedeckte Karte mit den drei verschiedenen Zoom-Stufen im Singeplayer-Modus noch wie eine Last an, so macht sie im Mehrspielermodus deutlich Sinn. Beim Stöbern nach Truhen ist es üblich, dass sich die Wege der Gefährten trennen. Mit Hilfe der spielinternen Möglichkeiten ist so jederzeit der Überblick gesichert und man kann sich schnell orientieren, wo sich die Mitstreiter befinden. Hat einer der Spieler dann einen Schatz geborgen, so darf er sich nicht alleine an diesem erfreuen, sondern ermöglicht allen anderen Spielern ebenfalls den Inhalt der entsprechenden Truhe auf ihrem Konto gutzuschreiben. So wird der Streit um Accessoires und Gold verringert und somit auch der kooperative Charakter des Spiels verstärkt. „Harmony of Despair“ ist ein Spiel, welches zusammen und nicht gegeneinander gespielt wird, und Funktionen wie diese machen dies deutlich.
Dass alle Spieler voneinander abhängig sind und zusammenarbeiten müssen, zeigen unter anderem kleinere Koop-Schalterrätsel. Wirklich anspruchsvoll sind diese aber nicht, wecken aber das angesprochene Wir-Gefühl im Spieler. Versagt ein Spieler und wird von einem der zahlreichen Gegner zerfleischt, so hat er noch immer die Möglichkeit als Skelett sein Unwesen zu treiben. Wird er ein weiteres Mal umgebracht, so muss die gesamte Gruppe leiden: Das dreißigminütige Zeitfenster wird verringert und es gilt für den Rest der Spieler, besonders behutsam und dennoch effektiv zu agieren.

Retro-Flair

Spielerisch ist „Harmony of Despair“ demnach ein interessanter Mix aus Alt und Neu. Technisch enttäuscht der Titel auf Grund der altbackenen Grafiken. Die Entwickler haben tief in der Kiste an Texturen und Grafiken gewühlt und wurden fündig: Im PSN-Ableger erwarten euch Kulissen, die zum größten Teil älteren 2D-Spielen der Saga entnommen wurden. Entscheidend aufpoliert oder verbessert wurden sie nicht. So entsteht keinesfalls ein Retro-Flair – so wie es von den Entwicklern möglicherweise beabsichtigt war – sondern allenfalls Enttäuschung über die grafische Umsetzung. Das Design älterer Titel mit einzubeziehen ist durchaus eine nette Idee, hätte aber moderner gestaltet werden müssen.

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Das neue-alte Castlevania?

Mit „Castlevania: Harmony of Despair“ gehen Konami in eine neue Richtung. Gemäß der momentanen Entwicklung in der Videospielbranche konzentrierte man sich bei der Produktion des Titels auf den Mehrspieleraspekt. Ob der PSN-Titel zu empfehlen ist, hängt vom persönlichen Empfinden des jeweiligen Käufers ab. Solisten werden bei „Harmony of Despair“ eher nicht auf ihre Kosten kommen – zu wenig Spielspaß wird in Anbetracht der fehlenden Rätsel und der komplett aufgedeckten Areale geboten. Selbstverständlich funktioniert das Spielprinzip durchaus gut und für einige Zeit macht es auch Einzelgängern Spaß, sich durch die kniffligen Burgen zu kämpfen. Mit der Zeit steigt aber die Wahrscheinlichkeit, dass die Motivation sinkt. Eine deutlich längere Halbwertszeit bietet das Spiel im angesprochenen Multiplayermodus. Zusammenarbeit wird groß geschrieben und dank der kleineren Maps bleibt auch die Übersicht zu jeder Zeit erhalten. Geschmälert wird der Spaß aber auch in diesem Modus. Die rudimentäre Technik und die gänzlich fehlende Charakterentwicklung können vielen Spielern böse aufstoßen, sodass man sich zweimal überlegen sollte, ob diese Schwächen nicht vielleicht das eigene Spielempfinden wesentlich beeinträchtigen. Stört man sich daran nicht, so bietet „Harmony of Despair“ besonders für Serienveteranen kurzweiligen Mehrspielerspaß mit erfrischend – nicht ganz ausgereiften – Neuem.

Gutes

+ sechs verschiedene, spielerisch unterschiedliche Areale
+ kurzweiliger Spielspaß
+ äußerst gelungener Mehrspielermodus
+ knackiger Schwierigkeitsgrad

Schlechtes

- für Solisten eher uninteressant
- keine Charakterentwicklung
- rudimentäre Technik
- keine Areal-Erforschung möglich
- Einsteiger werden alleine gelassen

7.5 Gut

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