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Call of Cthulhu im Test – Dem Wahnsinn so nah

Artikel von | 13.11.2018 um 08:05 Uhr

Call of Cthulhu ist die Videospiel-Adaption eines Pen&Paper-Rollenspiels, das von H. P. Lovecrafts gleichnamiger Kurzgeschichte inspiriert ist. Der Cthulhu-Mythos hat großen Einfluss auf die Popkultur und unter anderem Spiele wie Bloodborne stark geprägt.

Ob die Adventure-Umsetzung von Call of Cthulhu aus dem Hause Cyanide Studios der grandiosen Vorlage gerecht wird, haben wir für euch ausführlich getestet.

Auf den Spuren des Tintenfischs

Call of Cthulhu spielt, wie viele andere Geschichten im Lovecraft-Universum auch, im frühen 20. Jahrhundert. Auf der Walfängerinsel Darkwater Island kam eine Familie bei einem Brand ums Leben. Privatdetektiv Edward Pierce, welcher auch Protagonist des Spiels ist, soll den Vorfall aufklären – und trifft dabei auf fragwürdige Inselbewohner, seltsame Vorkommnisse und eine direkte Spur in die finstersten Abgründe des Wahnsinns.

Und soviel sei vorweg gesagt: Die Handlung des Spiels ist seine größte Stärke. Die einzelnen Handlungsstränge machen schnell neugierig und verdichten sich zum Ende hin zu einem großartigen Finale. Wie Call of Cthulhu ausgeht, können wir bis zu einem gewissen Grad sogar beeinflussen: In einigen wenigen Schlüsselmomenten müssen wir selbst darüber entscheiden, ob wir uns dem Wahnsinn hingeben, oder dagegen ankämpfen.

Kunst, Schrecken und unschöne Ecken

Call of Cthulhu ist vor allem Eines: Düster und bedrückend. Die finstere Atmosphäre zieht sich durch sämtliche Schauplätze auf Darkwater Island: Vom stürmischen Hafen, über finstere Kellergewölbe, baufällige Gebäude und eine klinische Anstalt bis hin zu surrealen Zwischenwelten, in denen die Grenze zwischen Realität und Albtraum endgültig verschwimmt. Zwar sind die Abschnitte sehr linear und teilweise mit langen Ladezeiten voneinander getrennt, aber alle Szenerien sind schon für sich genommen jeweils ein regelrechtes Gemälde – und erzeugen in ihrem Zusammenspiel eine kohärente Welt, die H. P. Lovecraft würdig ist.

Weniger schön fallen dafür die Charaktermodelle aus. Denen fehlen Details, vor allem sorgen aber die seltsame Mimik und klobige Bewegungsanimationen immer wieder für unfreiwillige Komik. Und auch in der Umgebung fallen immer wieder unscharfe Texturen auf. Insgesamt wirkt alles ein wenig kantig, körnig und aus der Zeit gefallen. Man merkt dem Spiel sein begrenztes Budget an. Trotz aller Unschönheiten macht das Design in seiner Gesamtheit aber ordentlich etwas her. Und auch die Zwischensequenzen sind anschaulich inszeniert.

In der Ruhe liegt die Kraft

Call of Cthulhu geht sehr sparsam mit seiner Musik um – und das ist auch gut so. Das Spiel lebt nicht vom Bombast, sondern von seiner ruhigen Atmosphäre. Der subtile Soundtrack fängt dieses Gefühl ein, setzt dafür aber auch an den richtigen Stellen Akzente.

Auch das Sounddesign ist hochwertig und stimmungsvoll. Insbesondere, wenn wir mit Kopfhörern spielen, haben wir das Gefühl, mitten im Geschehen zu sein. Zudem sei positiv angemerkt, dass sämtliche Dialoge hochwertig in englischer Sprache vertont sind – auch wenn immer wieder auffällt, dass Lippenbewegungen und Gesprochenes nicht besonders synchron verlaufen. Die Sprecher sind hervorragend ausgewählt und passen gut zu den Figuren.

Ein seichtes Adventure

Spielerisch wandelt Call of Cthulhu irgendwo auf dem Pfad zwischen Walking Simulator und Adventure. Wir bewegen uns durch lineare Abschnitte und haben nur wenige Möglichkeiten, mit unserer Umgebung zu interagieren. Hin und wieder macht es aber Sinn, abseits des Pfades die Umgebung zu erkunden. Manchmal entdecken wir dabei okkulte Gebilde oder medizinische Bücher, die unseren Status in bestimmten Aspekten erhöhen. Oder wir entdecken Hinweise, die uns an späterer Stelle neue Dialogoptionen eröffnen.

Ein wesentlicher Teil unserer detektivischen Arbeit besteht nämlich darin, uns mit den Bewohnern der Insel zu unterhalten. Dabei kommt ein Dialog-Rad zum Einsatz, das wir bereits aus dem einen oder anderen Rollenspiel kennen. Wir entscheiden also selbst, wie viel wir von den Charakteren erfahren möchten und was wir über uns und unsere Ermittlungen preisgeben. Das Gefühl, dass unsere Dialogentscheidungen merkbaren Einfluss auf die Handlung haben, hatten wir allerdings nicht.

Um im Spiel voranzukommen, müssen wir gelegentlich Rätsel lösen. Die fallen aber nicht besonders komplex aus: Wir suchen Bauteile, um eine Apparatur in Gang zu setzen, müssen den Zugangscode zu einem Tresor herausfinden oder eine versteckte Tür mit einem geheimen Mechanismus öffnen. Nichts davon ist besonders neu oder inspirierend: All das haben wir in anderen Spielen schon vielfach gesehen. Allzu viel spielerische Tiefe sollte man von Call of Cthulhu allgemein nicht erwarten.

Hin und wieder erreichen wir den Schauplatz eines wichtigen Schlüsselereignisses. Dann wechseln wir in den Ermittlungsmodus und suchen nach Hinweisen, die uns dabei helfen, das Geschehene zu rekonstruieren und verstehen. Das ist zwar eine nette Abwechslung, hat aber keinerlei spielerischen Anspruch: Erst, wenn wir alle Hinweise gefunden haben, können wir die Ermittlung beenden.

An anderen Stellen müssen wir diskret vorgehen: Zwischendurch treffen wir nämlich auf Widersacher, die uns nicht freundlich gesinnt sind. An diesen müssen wir unbemerkt vorbeikommen oder sie abschütteln. Entdecken sie uns, können wir sie loswerden, indem wir weglaufen und uns in Schränken verstecken. Das erinnert uns sehr stark an Outlast. Besonders penetrant sind unsere Verfolger dank ihrer schlechten K.I. allerdings nicht. Zu den Höhepunkten des Spiels gehören die Schleichpassagen aber keinesfalls.

Gelegentlich nimmt Call of Cthulhu unerwartet Fahrt auf und konfrontiert uns mit Situationen, in denen wir um unser Leben rennen. Und auch Ängste sind ein tragendes Element: Der Protagonist bekommt Panikattacken, wenn er sich im Wasser oder in geschlossenen Räumen befindet. Dann verschwimmt die Sicht, sein Herzschlag beschleunigt sich hörbar und seine Wahrnehmung beginnt sich zu verändern. Das ist ein netter Zusatz, aber keinesfalls neu: In ähnlicher Form haben wir das schon mal bei Amnesia: The Dark Descent gesehen.

Im Verlauf des Spiels erhalten wir außerdem Statuspunkte, die wir in unseren Charakter investieren können. Damit eröffnen sich uns neue Handlungsmöglichkeiten, auch wenn wir in den 10-12 Stunden Spielzeit nie den Eindruck hatten, dass diese einen merkbaren Unterschied machen. Insgesamt fällt dieses Feature also eher oberflächlich aus. Ansonsten finden wir im Menü alle Informationen und Hinweise, die wir zu den Geschehnissen auf der Insel und seinen Bewohnern gesammelt haben.

Insgesamt sind viele spielerische Aspekte wenig konsequent umgesetzt. Sämtliche Gameplay-Elemente sind sehr rudimentär geraten. Das ändert aber nichts daran, dass Call of Cthulhu ein atmosphärisches und düster-schönes Abenteuer für denjenigen bereithält, der sich darauf einlässt.

Fazit

Call of Cthulhu ist kein Triple-A-Titel, der mit riesigem Budget entwickelt wurde – und das ist dem Spiel durchaus anzumerken. Visuell hätte hier und da noch einiges aufpoliert werden können. Insbesondere die Charaktermodelle wirken ein wenig unnatürlich und altbacken. Nichtsdestotrotz ist das Design so schön umgesetzt, dass man darüber schnell hinwegsehen kann.

Spielerisch ist es sehr seicht gehalten und benutzt Mechaniken, die bereits aus anderen Spielen des Genres bestens bekannt sind. Aber auch darüber lässt sich hinwegsehen. Die eigentliche Stärke ist nämlich gar nicht das Gameplay, sondern die großartige Geschichte und die dichte Atmosphäre, die Call of Cthulhu über die komplette Spielzeit aufrechterhält. Das funktioniert sogar so gut, dass es uns leicht gefallen ist, das Spiel trotz seiner Makel ins Herz zu schließen.

Letztendlich gelingt dem Abenteuer nämlich genau das, was H. P. Lovecraft seinerzeit schon am besten konnte: Eine großartige Geschichte zu erzählen, die einem hier und da eine echte Gänsehaut über den Rücken jagt.

 

 

 

Call of Cthulhu Testbericht

Call of Cthulhu

  • Release: 30.10.2018
  • Genre: Adventure
  • Entwickler: Frogwares
  • Publisher: Focus Home Interactive

Gutes

gute Atmosphäre
spannende Story
hochwertige Dialoge

Schlechtes

unschöne Charaktermodelle
rudimentäres Gameplay

7.5 / 10 Gut

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