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Psinside – Deutschland und die Videospiele

Artikel von | 23.07.2004 um 11:46 Uhr

D eutschland hat mit rund 80 Millionen Einwohnern die größte Bevölkerung in ganz Europa, zur gleichen Zeit gibt es aber so einige Länder die größer sind, was aber hier eigentlich ist. Wenn wir dann auch noch die Schweiz und Österreich als deutschsprachige Länder dazu zählen, dann ist der deutsche Markt mit Abstand der wichtigste in ganz Europa. Gerade als der Industriestaat in Europa haben die meisten Einwohner im Vergleich zu anderen Ländern viel Geld zur Verfügung und ein solides Internet, ein großer TV und eine Spielekonsole zählen nicht zwingend als Luxusgut. Auch die Spieleindustrie sieht das natürlich, dennoch wird man als deutscher eher benachteiligt, wieso denn überhaupt und woran sieht man es? Damit wollen wir uns in diesem Special mal etwas beschäftigen.

Allgmein

Die Faktoren sind klar bestimmt, der deutsche Markt ist eine kleine Goldmine für Waren jeglicher Art. Bei so vielen Einwohnern und einem gehobenen „Durchschnitts-Wohlstand“ ist eine große Spezialisierung in dieser Region für alle Unternehmen mehr als nur interessant. Obwohl wir selbst der Export-Weltmeister waren (damals vor den USA und Japan/China) und aktuell auch Fußball-Weltmeister sind (so am Rande, falls es einer vergessen hat) importieren wir auch recht viel in das Land. In Bezug auf Medien ist der deutsche Markt jedoch leider nicht ganz so schön für ausländische Unternehmen. Egal ob nun Bild, Schrift, Film, Videospiele (oder sogar mit abstrichen Musik) – die Deutschen wollen so gut wie nichts auf einer anderen Sprache lesen, es muss schon fast deutsch sein, sonst kaufen es nur die wenigen Puristen. Doch das liegt nicht daran, dass wir kein englisch können oder auch nicht lernen wollen (Franzosen) – es ist schon fast die Ausnahme wenn man mal einen Deutschen trifft, der sich nicht zumindest in Ansätzen auf Englisch artikulieren kann, sofern dieser nicht im Rentenalter ist. Selbst im Kindergarten fangen wir mittlerweile an Englisch zu unterrichten, dazu kommt noch eine weitere Pflichtsprache wie Spanisch oder Französisch sofern man sein Abitur machen möchte.

Man kann Deutschland somit sicherlich zu einer der Auslandssprachen-freundlichsten Länder der Welt zählen, dennoch möchten die Deutschen ihre täglichen Medien zum Großteil auf Deutsch genießen und diese bekommen sie auch. Für die großen Publisher wie Sony, Activision, EA und Ubisoft ist somit auch eine deutsche Lokalisierung eigentlich Pflicht und wenn sie das ändern würden, dann würde auch ein Großteil der Deutschen direkt meckern. Natürlich kann sich das nicht jeder Publisher leisten und dementsprechend sind deutsche Untertitel mittlerweile Pflicht, egal ob nun durch den Google Translator gehauen oder von einer externen Firma lokalisiert. Ein Spiel in Deutschland zu veröffentlichen, dass weder Sprache noch Untertitel besitzt, ist sehr gewagt und würde wohl nicht gerade das bestverkaufte Spiel werden. Aber, und das ist das interessante dabei, viele Gamer finden die deutsche Lokalisierung zumindest in Sachen Sprache richtig schlimm und stellen es selbst auf die englische Sprache mit Untertiteln ein. Manche machen das bei jedem Spiel, andere nur bei schlechter Qualität. Trotzdem möchte man die Option einfach haben es entweder in seiner Muttersprache oder eben im original zu hören und nicht dem Publisher die Wahl der besten Sprache übernehmen lassen. Doch gerade das lokalisieren ist wie erwähnt auch ein recht teures Verfahren und für Publisher die nicht mit Millionen Einnahmen rechnen können, ist diese Entscheidung nicht leicht „für eine Option“. Gerade japanische Spiele brauchen oft mal lange zur Lokalisierung und es kann vorkommen das zwischen Japan und Europa Veröffentlichung ein halbes Jahr liegt – mittlerweile nicht mehr so extrem. Doch japanische Spiele haben so gut wie nie eine deutsche Sprachausgabe, doch Titel wie Final Fantasy verkaufen sich dennoch super. Man spricht weltweit oft von der deutschen Qualität und als Deutscher erwartet man das selbe nun mal auch von anderen.

USK

Die „Unterhaltungs-Selbstkontrolle“ ist ein leidiges Thema in Deutschland. Das Wort „Selbstkontrolle“ sagt ja eigentlich auch genug über die Zweifelhaftigkeit des deutschen Spiele-Rankings aus. Zwar hat sich dieses Thema komischerweise in den letzten Jahres etwas beruhigt, doch gerade viele PlayStation 3 Spiele hatten große Probleme nach Deutschland zu kommen, so was wie Bulletstorm, The Darkness und (noch ein Spiel 😀 Wet?) wurde, wenn überhaupt, nur mit sehr großen Schnitten verkauft, selbst im Bereich des Gameplays. Ob nun nur eine Szene gekürzt wird oder ganze Gameplay-Elementen fehlen, jedes Mal ist das Geschrei der deutschen Spieler riesig, verständlich, denn in fast allen anderen Ländern ist das Spiel nun mal ungekürzt. Gut, wir wollen hier nicht über die USK im Allgemeinen und ihre Sinnhaftigkeit (oder Sinnlosigkeit?) reden, da haben die meisten Deutschen sowieso eine eindeutige Meinung dazu, aber es ist nun mal Fakt, dass Entwickler immer die USK etwas scheuen möchten. Gerade da der Spieletest in der fertigen Version durchgeführt werden muss, haben die Entwickler nun mal schon damit abgeschlossen und wollen sich mit etwas anderem beschäftigen. Doch jeder Schnitt, ob nun eine Zwischensequenz oder im Gameplay, sorgt für eine riesige Arbeit und gerade für die Entwickler die ihr Produkt natürlich als „perfekt“ sehen, ist das herausschneiden von fertigen Elementen eine schlimme Sache.

Dies ist besonders extrem, weil es dann auch einfach nur ein Land betrifft. Denn während die komplette USA und ganz Europa ein einziges Rating-System besitzt, ist Deutschland hier die Ausnahme und höchstens in Australien oder China müssten so viele Schnitte durchgeführt werden. Ganz klar ist, dass diese „Selbstkontrolle“ eigentlich nur zweitrangig ist, denn Spiele, die geschnitten werden, die bekommen in dem meisten Fällen sowieso das Rating „Ab 18 – Keine Jugendfreigabe“. Dann stellt sich natürlich bei vielen die Fragen, inwiefern man als Erwachsener mit einem hohen Alter überhaupt eine Zensur braucht, denn letztlich ist man dann in einem Alter bei dem man in Deutschland nun mal selbst über sich entscheiden kann – wieso dann nicht auch über die Medien die man selbst erlebt? Gehen wir dann aber davon aus, dass die USK die Schnitte für jüngere Leute macht, da sie vielleicht dies nicht so gut einschätzen können, dann müsste man jedoch das komplette Rating-System widerfragen. Dann geht man dann davon aus, dass Jugendliche diese Spiele bekommen können – was nun mal auf der anderen Seite auch eine Straftat ist und eigentlich auch nicht eingeplant werden sollte. Ein abschaffen der USK würde auf jedenfall weniger Schnitte und weniger Kosten bedeuten, aber nun gut, der deutsche Rechtsstaat wird dies wohl nicht ohne weiteres durchziehen, sondern eher irgendwann mal verschärfen – leider.

Games-Preise US/EU

„Die Spiele sind doch viel zu teuer!“ – das sagte bestimmt schon jeder Gamer mindestens einmal in seinem Leben. Nun, wenn man es nüchtern betrachtet, dann stimmen die Videospiel Preise nun mal auch in etwa. Die Entwicklung kostet nunmal mehre hundert Millionen, dann kommen noch Lizenzen, Marketing, Verteilungskosten für Disk, Pressung und Verschiffung, Server Kosten und so weiter dazu. Dies sind nun mal riesige Kosten und gute Verkäufe kann man nicht einplanen und somit kann ein Gewinn zu keiner Zeit garantiert werden (außer das Spiel heißt Call of Duty). Wenn man dann auf der anderen Seite denkt, dass ein Spieler mittlerweile für ein PlayStation 4 Spie 70 Euro zahlen muss, dann wären es bei einer Millionen Käufern bereits 70 Millionen Umsatz und da sich selbst „schlechte Spiele“ oft locker über eine Millionen Mal verkaufen, ist dies natürlich auch rentierend. Und bei rund 7 Milliarden Menschen auf der Erde sind eine Millionen mögliche Käufer lediglich 0,00014 % der Menschheit – also durchaus eine wahrscheinliche Sache. Aber selbst wenn diese Rechung überhaupt nicht im geringsten Sinn macht, dann ist es trotzdem Fakt, dass sich Spiele für Publisher lohnen und zumindest etwas Gewinn einfahren werden. Sonst würden wir zur heutigen Zeit kaum neue Spiele erleben, sondern nur noch erfolgreiche Titel wie Assassin’s Creed, Battlefield, Call of Duty oder FIFA in der 50. Auflage haben.

Der wichtige Teil für uns deutsche oder auch Europäer ist der folgende: Spieler aus anderen Regionen müssen ganz klar weniger für die gleichen Spiele zahlen. Nicht umsonst ist der Import von Videospielen um Geld zu sparen ein vielgenutztes Mittel. Der Grund dafür liegt ganz einfach auf der Hand: „hier eine mögliche logische Erklärung einfügen“. Im Klartext: es gibt nicht wirklich eine. Ein Spiel das in den USA zur Veröffentlichung ganze 70 US-Dollar kostet, das wird eiskalt auch in Europa 70 Euro kosten – Einen Wechselkurs kann man sich hier einfach sparen. Würden wir, so rein theoretisch, den Preis mit dem realen Umrechnungskurs von (1: 1,23) nehmen, dann ergäbe es einen Preis von etwa 50 Euro. Ganze 20 Euro Differenz, bei jedem Spiel und das für jeden Europäer. Wer diese Differenz mit dem Transport begründen möchte, der muss doch zur heutigen Zeit einsehen, dass der auf der Disk nur wenige Cent beträgt und online im PlayStation Store überhaupt keine Kosten beim gleichen Preis einnimmt. Wer dies dann mit der vorher genannten Lokalisierung begründen möchte, dem sei gesagt, dass Länder wie Italien nicht zwingend die Landessprache enthalten und selbst wenn, dann wären 20 Euro für eine Übersetzung bei jedem Spiel sicherlich ein teures Verfahren. Wenn es dann auch noch, wie erwähnt, Spiele ohne Lokalisierung in Europa gibt, also wenn sie komplett dem originalen Titel 1:1 entsprechen, dann ist dieser Wechselkurs natürlich schon fast eine Abzocke. Stellt sich dann zum Schluss die Frage, ob die Publisher in Europa einfach nur eine blinde Melkkuh sehen, den Europäern der Preis sowieso egal ist oder ob nun mal der „Transport“ so teuer ist.

Deutsche und die Videospiele

Nun, eigentlich ist das jetzt so ein Thema, dass den meisten wohl sicherlich total ist. Selbst wenn es auch mal einige betrifft, dann wird das als Lappalie hingestellt und man solle doch „nicht so kleinlich sein“. Es ist aber einfach ein Thema was hier irgendwie rein muss, auch aus meinem persönlichen Anliegen. Ich wiederhole es gerne noch einmal: Der deutsche Markt ist riesig. Eine große Bevölkerung, eine boomende Wirtschaft und dann gibt es auch noch den aktuellen Fußball-Weltmeister aus diesem Land, da kann man ja eigentlich stolz darauf sein. Aber Vorsicht: Außerhalb der WM darf man doch als deutscher nicht stolz auf sein Land sein, oder? sonst kommen noch die Gauchos vorbei. Denn die Geschichte schlägt ja immer noch, wie in keinem anderen Land, auf die Köpfe. Wir sind pingelig, pünktlich, trinken Bier und so weiter aber allem voran, sind alle deutschen ja immer noch im inneren irgendwie böse. Die letzten Jahre gab es im Bereich der Videospiele ganz viele Shooter. Die Feinde in den Spielen kommen entweder aus dem tiefen Osten oder es sind eben deutsche. Kann sich jemand an ein größeres Spiel erinnern, dass entweder in Deutschland spielt oder auch nur einen deutschen „Helden“ enthält – und nein Weltkriegsshooter stehen hier nicht zur Auswahl. Gut, natürlich kommt ein großer Teil der Spiele aus den USA und ein deutscher Hauptprotagonist ist dementsprechend etwas abwegig. Aber ein Assassin’s Creed in Deutschland welches nicht im Weltkrieg spielt – unvorstellbar. Ein Grand Theft Auto: Berlin – als ob. Ein Mittelalter Spiel das im historischen Deutschland anstatt in einer imaginären Pampa spielt – macht euch doch nicht lächerlich. Vielleicht sind die Beispiele abwegig, aber die deutsche Kultur bleibt in Film und Spiel einfach noch über lange Zeit hinweg eher negativ behaftet und das, obwohl die meisten Leute mittlerweile nicht mal im Ansatz etwas mit dem Krieg zu tun hatten.

Jetzt aber noch zum Schluss noch ein kleiner Themenwechsel zu einem etwas besseren Thema, dass als deutscher Videospiel-Fan jedoch auch blöd ist. Jeder mit etwas Gefühl/ Kenntnis von Marketing, der wird sicherlich bestätigen, dass verschiedene Regionen anders vermarktet werden müssen. Gerade mit den USA, Europa und Japan gibt es für Videospiele die drei größten Märkte. Deshalb gibt es oft für die drei Bereiche ein anderes Cover auf dem Spiel, das besonders ansprechend zur Kultur sein soll. Wir wollen hier keine Deutschland-exklusiven Packshots für jedes Spiel fordern, da dies auch nicht passieren wird. Obwohl deutsche mit dem USK Schriftzug sowieso ein exklusives Packshot bekommen müssen und ein anderes Design natürlich machbar wäre – aber egal. Hier geht es um etwas anderes, genauer gesagt geht es hier gegen EA Sports und deren Sportspiele. Aktuelles Beispiel ist FIFA 15. Dieses hat weltweit den Cover-Star Lionel Messi als Werbe-Ikone auf jedem Spiel und ist auch im Spiel besonders auffällig zu sehen. Als besonderes extra fügt EA noch in bestimmten Regionen einen oder zwei zusätzliche Fußball-Profis auf dem Cover hinzu. Länder wie die USA, Schweiz, Österreich, Japan, Mexiko, Spanien, Italien oder England bekommen dann noch ihren regionalen Star hinzu.

Ob wir Deutschland in der Aufzählung vergessen haben? Nein, denn Deutschland zählt nicht zu diesen Ländern dazu und hat nur Messi auf dem Packshot. Nach FIFA 12, damals mit Mats Hummels und Lukas Podolski, haben wir in Deutschland kein einziges exklusiv Cover mehr erhalten, trotz der riesigen Bundesliga und Fußbal-Euphorie und vollen Stadien im ganzen Land. 2013 hat EA Lionel Messi als Werbe-Ikone für FIFA verpflichtet und seitdem hat dieser auch das Monopol weltweit auf den Packshots der Welt, mit genannten Ausnahmen. Selbst Pro Evolution Soccer 2014 mit einem japanischen Entwickler und fehlenden Lizenzen hat es geschafft einige Spieler des FC Bayern auf das Packshot zu bekommen. Und das auch zu Recht, denn in der Saison 2012/13 standen mit dem FC Bayern und Borussia Dortmund gleich zwei deutsche Fußball-Clubs im Finale der Champions League, dem bedeutendsten Turnier der Welt für Vereine. Doch EA bestand trotzdem bei FIFA 14 in Deutschland auf Messi. Nun haben wir das Jahr 2014 und FIFA 15 steht vor der Tür und Deutschland ist Fußball-Weltmeister geworden. Man möchte glauben, dass dies ausschlaggebend für ein neues Cover wäre, Fehlanzeige, es ist wieder mal nur Messi geworden. Auf der einen Seite stellt man sich die Frage ob Deutschland nach der „Typen-Debatte“ jetzt auch noch eine „Star-Debatte“ für Electronic Arts führen soll. Falls es die deutschen überhaupt verdient haben, neben dem großen Messi auf einem Cover zu stehen. Auf der anderen Seite könnte EA auch einfach weiterhin nach einem großen Spieler für die nächsten Jahre suchen oder sie warten ab, bis Deutschland sich mal international festgespielt hat, denn Deutschland ist ja „nur“ Weltmeister und auf dem ersten Platz der Weltrangliste und müsse erst mal ihr Können beweisen. Wir finden: Blödsinnig und schwach von EA – gerade weil die USA als Footbal/ NBA Land sogar ein eigenes Cover bekommt und wir nicht. Kleinigkeiten können manchmal ganz groß sein.

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